{"corpus":"steiner","locus":"GA 335/1920-06-15","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15","ga":"335","lecture":"1920-06-15","lecture_number":null,"title":"7. Fragen der Seele und Fragen des Lebens Eine Gegenwartsrede","site_heading":null,"date":"1920-06-15","location":null,"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"passage_count":52,"word_count":9740,"translation_credit":null,"witnesses":[{"lang":"de","edition":"original","is_original":true,"is_default_edition":true,"first_passage":1,"last_passage":52,"passage_count":52,"word_count":9740},{"lang":"en","edition":"English","is_original":false,"is_default_edition":true,"first_passage":1,"last_passage":52,"passage_count":52,"word_count":9849,"completeness":{"ratio":1.01,"band":"comparable","note":null}}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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Wenn man auf alle Verhältnisse der Gegenwart, auf Not, Elend, Hoffnungslosigkeit hinblickt, und wenn man hinblickt auf die Ursachen, aus denen all das hervorgegangen ist, dann drängt sich einem — wie ich meine — unbefangenen Blick des Lebens auf, daß als erstes Rätsel unserer Gegenwart dasteht, gewissermaßen als eindringlichstes Rätsel dasteht: Wie vereinigt die Menschheit, um in gedeihlicher Weise auf einen Aufbau unserer sozialen und sonstigen Verhältnisse in der Zukunft hinzuarbeiten, wie vereinigt die Menschheit die Wege der Seele mit den Wegen des Lebens?"},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p004","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p004","passage_number":4,"word_count":68,"text":"Da ich beabsichtige, eine Ergänzung zu liefern zu mancherlei, das ich vom Gesichtspunkte anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft hier in Stuttgart seit Jahren gesagt habe, werden Sie verzeihen, wenn ich heute gewissermaßen historisch an das eine oder andere anknüpfe und so vielleicht den Schein erwecke, daß diese Anknüpfungen manchmal persönlicher sind als dasjenige, was ich hier im Laufe der vielen Jahre vorgebracht habe. Allein, das wird ja nur scheinbar sein."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p005","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p005","passage_number":5,"word_count":141,"text":"Es handelt sich gleich beim Ausgangspunkte meiner Gegenwartsrede darum, daß ich mir erlaube, darauf hinzuweisen, wie gerade diese Frage: Wie kann die Gegenwartsmenschheit die Wege der Seele mit den Wegen des Lebens in Einklang, in Harmonie bringen? -, wie gerade diese Frage mir vorschwebte, als ich Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts meine 1894 erschienene «Philosophie der Freiheit» ausarbeitete als Grundlage jener Weltanschauung, die sich mir ergeben hat im Laufe langer Jahre. Denn im Grunde genommen sollte, in der Art, wie es dazumal von mir gegeben werden konnte, diese «Philosophie der Freiheit» schon antworten auf die heute an den Ausgangspunkt der Betrachtungen gestellte Schicksalsfrage der Menschheit. Ich habe nicht vor, heute über den Inhalt dieser «Philosophie der Freiheit» zu sprechen, aber ich möchte die Absichten, welche dieser Schrift zugrunde lagen, einleitend mit ein paar Worten streifen."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p006","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p006","passage_number":6,"word_count":439,"text":"Es lag die Absicht zugrunde, zu beantworten die Frage: Wie kann der Mensch, der in die Gegenwart hineingestellt ist, gegenüber den großen sozialen Anforderungen der Gegenwart mit dem allerwichtigsten Gefühl, der allerwichtigsten Sehnsucht der neueren Zeit, mit dem Gefühl der Freiheit, der Sehnsucht nach der Freiheit, zurechtkommen? Und es ist ja ein Wesentliches gerade bei dieser Betrachtung des Wesens der Freiheit, daß gebrochen wurde mit der ganzen Art, wie man bis dahin eigentlich immer nach der Berechtigung der Freiheitsidee, des Freiheitsimpulses gefragt hat. Man hat gefragt: Ist der Mensch ein freies Wesen durch seine Naturanlage, oder ist er es nicht? — Diese Art der Frage scheint mir durch die ganze Entwicklung der neueren Menschheit für unsere Zeit überholt zu sein. Heute können wir nach dem, was die Menschheit in den letzten drei bis vier Jahrhunderten durchgemächt hat, eigentlich nur fragen: Ist der Mensch in der Lage, eine solche soziale Ordnung zu begründen, daß er, während er sich entwickelt von der Kindheit bis zum Reifealter des Lebens, in ihr dasjenige finden kann, was er berechtigt ist, als die Freiheit seines Wesens zu bezeichnen? Nicht, ob der Mensch frei geboren wird, wurde in der «Philosophie der Freiheit» gefragt, sondern in dieser Schrift handelt es sich darum, ob es dem Menschen möglich ist, in den Tiefen seines Wesens etwas zu finden, was er heraufholen kann aus unterbewußten oder unbewußten Untergründen in das volle, klare, lichte Bewußtsein, und ob er durch dieses Heraufholen ein freies Wesen in sich heranerziehen könne. Und geleitet wurde ich durch diese Betrachtung dahin, daß dieses Wesentlichste in der Menschheitsentwicklung der neueren Zeit nur begründet werden könne auf zweierlei: erstens auf dasjenige, was ich dazumal nannte das intuitive Denken, zweitens auf dasjenige, was ich dazumal nannte das soziale Vertrauen. Und da ich nicht mit diesen zwei Worten irgend etwas Abstraktes, Theoretisches bezeichnet habe, sondern Dinge der Wirklichkeit, Dinge des Lebens, so wurde ja dasjenige, was in meiner Schrift gemeint war, recht, recht langsam verstanden, denn wir leben einmal in der Zeit der Abstraktionen, wie ich hier oftmals ausgeführt habe. Wir leben in der Zeit des Theoretisierens. Und wenn von jemandem dasjenige geltend gemacht wird, was nur aus Wirklichkeitssinn stammt, und dieses so Geltendgemachte dann in Ideen gefaßt wird, dann verwechseln die Menschen das, was aus der Wirklichkeit herausgeholt ist und klar in Ideenform auftritt, mit dem, was in ihnen selbst als abstrakte, als unwirklichkeitsgemäße Ideen lebt. Und sie sehen dann das, was eigentlich wirken kann im Menschen als ein realer Impuls, an als irgend etwas UÜtopistisches oder dergleichen - diejenigen Menschen am meisten, die selbst nur Utopistisches in den Köpfen haben, die sehen dann so etwas als Utopie an."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p007","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p007","passage_number":7,"word_count":165,"text":"Was war die Idee dieses Strebens nach einer universellen Menschheitserziehung im Sinne der «Philosophie der Freiheit»? Es war dies die Idee, daß frei der Mensch niemals werden könne, wenn er in sein Bewußtsein nur aufnimmt diejenigen Vorstellungen, die ihm seit drei bis vier Jahrhunderten aus der naturwissenschaftlichen Weltanschauung heraus kommen, wenn er sich nur anfüllt mit dem, was man von der Natur lernen kann. Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich habe öfter auch schon hier gesagt, daß der Einwand gemacht wird: Ja aber, wieviele Menschen sind es denn, welche heute in ihr ganzes Bewußtsein aufnehmen diejenigen Vorstellungen, die aus der Betrachtung der Natur entlehnt sind? — Es sei ja so, meinen die Menschen, daß nur einzelne Persönlichkeiten Naturwissenschaft lernen und daß dann vielleicht auch aus denen, die da von Naturwissenschaft etwas erfahren, sich andere rekrutieren, welche eine monistische - oder wie man es sonst nennt — Weltanschauung begründen, daß das aber doch auf die ganze breite Masse der Menschheit heute noch keinen maßgebenden Einfluß habe."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p008","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p008","passage_number":8,"word_count":185,"text":"So ist es nicht, meine sehr verehrten Anwesenden, es ist anders. Es ist so, daß wir allmählich aus dem Verlaufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte heraus in ein Geistesleben, in ein Leben überhaupt hineingekommen sind, das ja im wesentlichen gespeist wird — auch jetzt schon bis in die äußersten Gebiete des Landes hinaus, nicht bloß bei den Stadtmenschen oder bei den sogenannten Gebildeten - von dem, was durch unsere Journal-, Zeitungs-, Buchliteratur fließt: Die Menschen nehmen, ganz ohne daß es ihnen bewußt wird, das in ihr Vorstellungswesen auf, was folgt aus der belletristischen, der populärwissenschaftlichen, aus der Journalund Zeitungsliteratur. Damit füllen sie ihre Seelen an. Sie können, wenn sie sonntags in die Kirche gehen, meinen, gute Katholiken oder gute Evangelische zu sein, sie können sich der Vorstellung hingeben, daß sie ganz ehrlich an alles dasjenige glauben, was ihnen da verkündet wird. Aber in dem, was sie gewissermaßen im Alltag sind, ist die Form ihrer Gedanken, die ganze Konfiguration ihres Vorstellungslebens geprägt durch dasjenige, was unbewußt einfließt aus all den Quellen, die ich jetzt genannt habe. Wir können das ja durch eine Art Kreuzprobe feststellen:"},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p009","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p009","passage_number":9,"word_count":412,"text":"Ich glaube, daß ja gewiß eine große Anzahl von Ihnen der Meinung ist, daß eine gewisse Gemeinschaft uralte Religionsvorstellungen mit ganz intensiven Kräften in das Leben der Gegenwart hineinträufeln will - uralte Religionsvorstellungen. Wer zweifelt denn eigentlich daran, daß zum Beispiel durch die Mitglieder des Jesuitismus angestrebt wird, uralte Religionsvorstellungen in das Leben der Gegenwart hineinzuträufeln? - Gewiß, das ist dann der Fall, wenn die Jesuiten schreiben über dasjenige, was sie glauben, daß es auf dem Boden des Bekenntnisses notwendig sei zu sagen, wenn sie sprechen über dasjenige, was die Menschen glauben sollen, wenn sie sprechen über dasjenige, was das Verhältnis der Menschen zur Kirche ausdrückt und so weiter. Wenn aber heute die Jesuiten schreiben über Gegenstände der Natur, über Gegenstände auch der menschlichen Natur, und glauben, der Wissenschaft Rechnung tragen zu sollen, was sind denn dann diese Jesuiten? Sie sind gerade die ausgesprochensten Materialisten. Wer dasjenige, was ein Jesuit als weltliche Literatur neben seiner theologischen und religiösen Schriftstellerei der Welt vorlegt, verfolgt, der findet, daß das ganze Streben dieser weltlichen Literatur gerade darauf hingeht, Materialismus im weitgehendsten Sinne zu begründen. Man kann sogar über das Warum sich ganz klare Vorstellungen machen. Von dieser Seite her ist man bestrebt, alles dasjenige, was Fragen der Seele, was Fragen des geistigen Lebens sind, zu entziehen dem menschlichen Forschen, dem unmittelbaren menschlichen Denken. Mit Bezug auf diese Fragen der Seele und diese Fragen des Lebens sollen die Menschen nicht forschen, sondern sie sollen sich hingeben dem, was traditionell vorhanden ist. Es wird dadurch alles das, was die Fragen der Seele betrifft und die Fragen des geistigen Lebens betrifft, herausgehoben aus dem, worüber die Forschung sich erstrecken soll. Es darf nicht hingeschaut werden vom Standpunkte des Geistes, vom Standpunkte der Seele in die Natur, in den wirklichen, wahren Umkreis des Lebens, denn solches Forschen ist von ihrem Gesichtspunkte aus unchristlich, ist unfromm. Wenn man aber nicht vom geistigen Gesichtspunkte aus über das Leben forschen darf, dann wird die Forschung zum Materialismus, denn wenn man den Geist nicht hineintragen darf in die Forschung über die Materie, dann bleibt der Geist draußen aus den Forschungen über die Materie, und man hat nur den krassesten Materialismus in der Hand. Daher sehen Sie neben der Geltendmachung aller traditionellen Vorstellungen auf religiösem oder theologischem Boden den krassesten Materialismus, wenn [neben der theologischen Literatur auch] weltliche Literatur gerade aus diesem Kreise herauskommt. Es nützt heute nichts, sich über diese Dinge irgendwelchen Wahnvorstellungen hinzugeben, sondern allein das unbefangene Anschauen dieser Dinge kann helfen."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p010","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p010","passage_number":10,"word_count":183,"text":"Und so kann man sagen: Selbst diejenigen, welche gewissermaßen offiziell Frömmigkeit vertreten — wie sollte man denn nicht glauben, daß der Jesuitismus selbstverständlich offiziell die Frömmigkeit vertritt -, selbst die sind aus dem, was sich abgespielt hat im Laufe der neueren Zeit, krasse Materialisten. Und so können wir natürlich immer sehen, daß die Leute am Sonntag in die Kirche gehen und da anhängen dem, was sie nicht verstehen, und in der Woche nur dasjenige verstehen, was aus dem Untergrund der materialistischen Weltanschauung herauskommt. Diese Sachlage ist es eigentlich - das habe ich auch hier öfter betont -, die uns hineingeführt hat in die Not der neuesten Zeit. Denn es ist ja leicht einzusehen, daß aus solchen Verhältnissen heraus der Mensch nicht jene Wege der Seele finden kann, welche ihn hinführen zu den Wegen des Lebens. Aus demjenigen, was auf der einen Seite unverstandener, nur traditionell und noch dazu traditionell unrichtig überlieferter Geist ist, und aus dem, was nur Materialismus ist, kann die Seele sich nicht jene Wege zimmern, die sie hineinführen in ein starkes, in ein sicheres Sichbewegen auf den Wegen des Lebens."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p011","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p011","passage_number":11,"word_count":358,"text":"Daher wurde versucht in meiner «Philosophie der Freiheit», auf der einen Seite darauf hinzuweisen, wie der Mensch wiederum dazu kommen müsse, sein Bewußtsein nicht nur anzufüllen mit dem, was er der Natur ablauscht, was die neuere Naturwissenschaft ihm an Ideen und Vorstellungen überliefert, sondern es wurde darauf hingewiesen, daß im Menschen selber sich ein Quell des inneren Lebens entwickeln kann. Und wenn er diesen Quell des inneren Seelenlebens erfaßt, wenn er dasjenige in der Seele erfaßt, was nicht von außen kommt durch die Betrachtung der Sinne, sondern was aus der Seele selbst kommt, dann erzieht er sich durch dieses Erfassen des intuitiven Seeleninhaltes zum freien Entschließen, zum freien Wollen, zur freien Tat. Und zu zeigen versuchte ich in meiner «Philosophie der Freiheit», daß man immer abhängig ist, wenn man nur folgt dem, was Naturimpulse sind, zu zeigen versuchte ich, daß man nur frei werden kann, wenn man in der Lage ist, zu folgen dem, was sich als intuitives Denken, als intuitives, reines Denken in der menschlichen Seele selbst entwickelt. Dieser Hinweis auf dasjenige, was sich der Mensch in seiner Seele erst selbsterzieherisch erobern muß, um wirklich der Freiheit teilhaftig zu werden, dieser Hinweis darauf führte dann dazu, daß ich notwendigerweise suchte die Fortsetzung desjenigen zu geben, was angedeutet war in der «Philosophie der Freiheit», und ich habe versucht, sie zu geben im Lauf der letzten Jahrzehnte durch das, was ich nenne anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Denn wenn man hingewiesen hat darauf, daß der Mensch aus den Tiefen seiner Seele selbst herausholen müsse den Impuls dieser Freiheit, das intuitive Denken, dann muß auch hingewiesen werden darauf, was herauskommt, wenn der Mensch sich diesem inneren Quell seines Seelenlebens zuwendet. Und im Grunde genommen nur eine Summe alles desjenigen, auf was dazumal in meiner «Philosophie der Freiheit» hingewiesen worden ist, sind die Ausführungen der anthroposophisch gehaltenen Schriften der nächsten Jahre. Ich habe darauf hingewiesen: In der Seele sind Wege zu verfolgen im Geistigen zu einem Denken, das nicht intellektuell bloß die Umwelt kombiniert, sondern das aus innerem Schauen heraus sich erhebt zum Erleben des Geistes. Und ich war gezwungen zu zeigen, was man da schaut, wenn man in die geistige Welt hineinblickt."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p012","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p012","passage_number":12,"word_count":207,"text":"Allerdings, das darf, ja das muß heute sogar betont werden: Jene nebulose Mystik, welche viele Leute meinen, wenn sie von diesem inneren Quell der Seele sprechen, jenes unklare Schwebeln und Schwafeln, das sich inneren Träumereien überläßt, das war da nicht gemeint. Deshalb hat sich allerdings ein Doppeltes herausgestellt. Das eine ist, daß diejenigen Menschen, die sich nicht zuwenden wollten der heute ja unbequem empfundenen Sache, die Wege eines klaren Denkens zu verfolgen, daß die sich wenig angezogen fühlten gerade durch das, was in der Richtung meiner «Philosophie der Freiheit» lag. Das ist das eine, das sich ergeben hat. - Das andere, das sich ergeben hat, das ist, daß allerdings eine genügend große Zahl von Schweblern und Schwaflern, die auf unklaren, auf nebulosen Wegen alles mögliche suchen möchten, sich anhängten an dasjenige, was mit Klarheit erstrebt werden sollte durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Es hat sich ergeben, daß durch dieses Sich-Anhängen dann übelwollende Geister genug gekommen sind, die heute kämpfen gegen dasjenige, was Leute sagen, mit denen ich nichts zu tun habe, und die, indem sie kämpfen, mir selbst alles das anhängen, was die Schwebler und Schwafler, die nebulosen Mystiker herausziehen als ihre eigene Mache aus dem, was gerade gemeint war als intensivst notwendig für die Kultur der Gegenwart."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p013","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p013","passage_number":13,"word_count":170,"text":"Denn das ist, was wir auf der einen Seite ganz besonders notwendig haben: Klarheit des inneren Strebens — jene Klarheit des inneren Strebens, die ja den wahren Naturforscher heute auszeichnet beim äußeren Streben, aber eben eine Klarheit des inneren Strebens. Das ist es, was wir auf der einen Seite verlangen. Nicht Dunkelheit und Dämmerung, nicht dämmerhafte Mystik, sondern helle, lichte Klarheit in alledem, womit das Denken etwas zu tun hat. Das ist das eine. Das andere, worauf gegründet werden sollte und was ich aussprechen wollte durch meine «Philosophie der Freiheit», das ist das soziale Vertrauen. Wir leben in einem Zeitalter, in dem jeder einzelne innerhalb seines individuellen Bewußtseins streben muß nach der Richtung seines eigenen Denkens, Fühlens und Wollens. Wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der die Menschen es ertragen, nur durch Autorität geführt zu werden; wir leben auch nicht in einer Zeit, in der die Menschen es wahrhaft ertragen, daß ihr ganzes Leben organisiert werde. Das Organiisieren hat sich ja nur ergeben wie eine Art von Gegenpol."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p014","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p014","passage_number":14,"word_count":62,"text":"Ich versuchte auf die hier zugrundeliegenden Tatsachen 1908 einmal in der folgenden Weise hinzuweisen. Ich sagte: Auf der einen Seite steht seit drei bis vier Jahrhunderten als eine allgemeine Menschheitskraft da, daß die Menschen auf ihre eigene Individualität immer mehr und mehr gestellt sein wollen, daß sie in sich selbst finden wollen die Impulse zu alledem, was sie eigentlich im Leben anstreben."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p015","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p015","passage_number":15,"word_count":270,"text":"Aber während dies bei vielen Menschen als etwas tief Unbewußtes zugrunde liegt, das sie sich nur nicht klarmachen wollen, weil sie sich im Grunde genommen vor diesem ihrem innersten Wesen selber noch fürchten, trat nun - ich möchte sagen wie der Schatten bei einem starken Licht - diesem Freiheitsstreben, diesem Streben nach individuellem Ausleben des einzelnen Menschen etwas entgegen, was eigentlich gegen all das wirkte, was in der Menschennatur sich heraufgebildet hatte durch lange Zeiten; es trat in den letzten drei bis vier Jahrhunderten etwas hervor, das gegen allen Drang der Menschennatur wirkte, und das wurde gegen die Gegenwart hin immer größer. Ich sagte: Während es heute eigentlich den Menschen natürlich ist, nach individuellem Ausleben zu streben, sieht man, wie die Menschen, weil sie sich selbst nicht verstehen in diesem ihrem modernsten Streben, eigentlich äußerlich das polarisch entgegengesetzte Ziel hinstellen. Ich charakterisierte es 1908 etwas grotesk, aber man wird mich auch heute noch verstehen, wie mich viele dazumal verstanden haben. Ich sagte: Es schaut so aus, als wenn die Menschen gar nicht nach Ausgestaltung der Individualität strebten, sondern nach einem solchen staatlichen, gesellschaftlichen, sozialen Organisieren, das überhaupt dem Menschen nichts mehr anderes möglich macht, als daß er sich auf allen Wegen und Stegen des Lebens so bewegt, daß links von ihm der Arzt und rechts der Polizeimann steht - der Arzt, damit er fortwährend für die Gesundheit sorgt, ohne daß der Mensch im geringsten es nötig hat, sich seinem eigenen Urteil über seine Gesundheit hinzugeben, der Polizeimann, damit er sorgt dafür, daß der Mensch die Richtung des Lebens finde, ohne daß der Mensch selber sich diese Richtung des Lebens gibt."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p016","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p016","passage_number":16,"word_count":284,"text":"Man verfolge nur einmal, was trotz aller Aufklärung, trotz alles angeblichen Freiheitssinnes nach diesem Ideal hin - mehr oder weniger unbewußt - in der neueren Zeit ausgerichtet ist. Da mußte schon einmal gesagt werden: Gehen wir weiter in dieser Richtung, dann kommen wir in einen furchtbaren Niedergang hinein. Zu einem Aufstieg kommen wir nur, wenn wir danach streben, in der Menschheit das heranzuziehen, was allmählich möglich macht ein soziales Zusammenleben der Menschen, das erfüllt ist von gegenseitigem vollen Vertrauen. Wir müssen den Glauben an die Menschen gewinnen; wir müssen den Glauben daran gewinnen, daß es durch eine entsprechende, im echt menschlichen Sinne gehaltene Erziehung, durch eine Entwicklung unseres Menschentums eben möglich werden kann, daß wir in den Angelegenheiten des Lebens, die etwas mehr beanspruchen als das Aneinander-VorübergehenKönnen auf der Straße, miteinander auskommen können, und zwar so, wie wir miteinander auskommen, wenn wir uns auf der Straße begegnen. Denn wenn die Menschen einander auf der Straße begegnen, dann geht der eine links und der andere rechts; sie gehen aneinander vorbei, es rempelt nicht jeder den anderen an. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Wird jener Quell in der Menschheit eröffnet, von dem ich als der wahren Intuition in meiner «Philosophie der Freiheit» spreche, dann kann man in den höheren Angelegenheiten des Lebens eine soziale Gemeinschaft ebenso auf Vertrauen gründen, wie man schließlich das alltägliche Leben auf Vertrauen gründen muß, denn es geht ja nicht an, daß, wenn sich zwei Menschen auf der Straße begegnen, ein Polizist hinzutritt und einem sagt: Du mußt da gehen, damit Du nicht an andere anstößt. — Diese Selbstverständlichkeit des Alltagslebens, sie kann auch hineingetragen werden in das höhere Leben, dort, wo Ernst des Lebens da ist, wo Ernst des Lebens kultiviert wird."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p017","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p017","passage_number":17,"word_count":137,"text":"Allerdings, zwei Forderungen über die Wege der Seele waren dazumal in dieser «Philosophie der Freiheit» gegeben. Die eine Forderung war, daß man sich nicht befriedigen dürfe mit dem Denken, das heute populär ist, das populär ist im alltäglichen Leben, populär ist in der Wissenschaft, sondern daß man aufsteigen müsse zur Heranerziehung desjenigen im Menschen, was die neue Zeit will: zu einem Denken, das aus seinem eigenen Urquell in der Seele des Menschen fließt, zu einem Denken, das in sich selbst lichtvoll und klar ist. Und hier muß ich wiederum aufmerksam machen - nicht achtend, daß mich der Vorwurf treffen kann, daß ich Schwerverständliches sage -, hier muß ich darauf aufmerksam machen, wozu eigentlich die traditionelle Erziehung führt im Menschenleben: sie führt zum Gegensatz dessen, was ich als eine notwendige Zukunftsforderung in meinem letzten Vortrag hier beschrieben habe."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p018","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p018","passage_number":18,"word_count":121,"text":"Wenn ein Mensch sich heute durch nichts anderes ausbildet als durch das, was ihm zufließen kann aus dem Traditionellen der Bekenntnisse und aus der neueren naturwissenschaftlichen Ideenwelt, wenn er seine Gedankenformen des Alltags auf nichts anderes gründet als auf dasjenige, was er aus den Darstellungen naturwissenschaftlicher Weltanschauung, aus der populären Literatur, aus der Literatur überhaupt, aus Journalismus und Zeitungswesen hat, dann, meine sehr verehrten Anwesenden, dann wird der Mensch Materialist. Warum wird er Materialist? Er wird Materialist aus dem Grunde, weil er sein Denken ja nicht befreit von der Leiblichkeit, weil er nicht danach trachtet, jenen Quell in seiner Seele zu finden, der loslöst die Seele von der Leiblichkeit; dadurch aber verfällt der Mensch im Leben in Abhängigkeit von der Leiblichkeit."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p019","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p019","passage_number":19,"word_count":197,"text":"Warum sind wir heute Materialisten? Nicht aus dem Grunde, weil wir falsch das Leben interpretieren, sondern weil wir falsch leben. Wir leben und wir erziehen unsere Kinder so, daß sie nicht mit der Seele denken, sondern daß sie nur mit dem Gehirn denken, denn das Gehirn kann ein Abdruck werden des Denkens. Wir schalten die Seele aus und denken mit dem Gehirn. Kein Wunder, daß wir dann auch über dieses Denken so reden, als ob es abhängig sei vom Gehirn; es ist für den größten Teil der Menschen heute abhängig vom Gehirn. Die Menschen sind materialistisch, weil sie materiell geworden sind mit ihrem ganzen Leben, weil sie nicht danach trachten, die Freiheit zu erringen durch ein Denken, das sich loslöst von der Leiblichkeit, das leibfrei wird - wenn ich diesen Ausdruck heute gebrauchen darf, den ich oftmals gerechtfertigt habe. Derjenige, der im Sinne der heutigen Zeitforderung sich selbst entwickeln will, der muß das Denken loskriegen von der Leiblichkeit. Er muß das Denken zu einer in sich selbst bestehenden, freien Beweglichkeit des Seelischen umformen. Er muß wissen, was es heißt: denken in dem bloßen Gedanken drinnen, nicht denken so, daß das Gedachte nur das Ergebnis des Gehirns ist."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p020","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p020","passage_number":20,"word_count":323,"text":"Die Frage ist heute ein Unding: Ist das Denken nur ein Ergebnis des Gehirns oder nicht? - Es ist Ergebnis des Gehirns, wenn wir es nicht erst loslösen von diesem Gehirn. Hier weise ich hin auf einen ganzen Knäuel von Irrtümern, in die die heutige Menschheit verstrickt ist, denn wir sind heute durch dasjenige, was sich die Menschheit im Laufe der geschichtlichen Entwicklung errungen hat, in der Lage, unser Denken bei voller, lichter Klarheit loszulösen von der Leiblichkeit. Wie löst man es los? Nicht etwa dadurch - das habe ich auch schon oftmals betont —, daß man unweigerlich selber Geistesforscher werden müßte, obwohl bis zu einem gewissen Grade jeder es werden kann, wenn er beachtet, was in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in meiner «Geheimwissenschaft» und anderen dergleichen Büchern steht, aber man braucht das nicht einmal. Man braucht nur entgegenzunehmen vom Geistesforscher dasjenige, was er der Welt zu sagen hat —- so wie man vom Astronomen, vom Chemiker, vom Physiker dasjenige entgegennimmt, was der Astronom, der Chemiker, der Physiker zu sagen hat. Man braucht nur heranzugehen an dieses Entgegenzunehmende mit seinem gesunden Menschenverstand. Aber man wird dann eine gewisse Entdeckung machen. Man wird die Entdeckung machen: Wenn du noch so lange mit deinem bloß an der Naturwissenschaft, an dem heutigen Leben herangezogenen Denken, mit deinem materiellen Denken das verfolgst, was der Geisteswissenschafter sagt, dann erscheint es dir als Phantastik, als Schwärmerei, als etwas, was du ablehnen mußt. Du begreifst erst das, was der Geistesforscher sagt, wenn du dir bewußt bist, daß das Denken losgelöst werden kann von der Leiblichkeit, daß du dich vertiefen kannst in dasjenige Denken, das hereingezogen ist aus geistigen Welten heraus bei der Geburt oder der Empfängnis, das hineinziehen wird in geistige Welten, wenn du durch die Pforte des Todes gehst. - Loslösung des Denkens von der Leiblichkeit ist ein erstes großes Ziel auf jenen Wegen, die verfolgt werden müssen von der Seele im heutigen Leben."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p021","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p021","passage_number":21,"word_count":185,"text":"Und ein anderes großes Ziel ist noch nötig: Wenn wir den Willen ausbilden, wie die Geisteswissenschaft es methodisch beschreibt - in den eben genannten Büchern ist es dargestellt -, dann wird dieser Wille den entgegengesetzten Weg machen wie das Denken. Das Denken befreit sich vom Leibe, es löst sich los vom Leibe. Der Wille aber wird gerade durch jene Schulung, die in diesen Büchern beschrieben wird, den Leib umso mehr ergreifen. Denn das ist das Eigentümliche namentlich des heutigen Menschen, daß er über den Willen sich ergeht in Abstraktionen, sich abstrakten Idealen hingibt mit dem Willen, von abstrakten Geboten hört von den Kanzeln herunter, daß diese abstrakten Gebote aber nicht in seinen Arm, nicht in seinen Leib hineingehen, nicht in seine Handlungen hineingehen. Daß der Mensch eins wird in dem, was er als die Impulse des Willens erlebt in seinem Leibe selber, dazu führt das zweite Glied jener Erziehung und Menschheitsentwicklung, die hier gemeint ist. Die Durchgeistigung des Leibes mit dem Willen, das Hineinführen des Willens in alles Sinnliche, in alles Leibliche und in alles Soziale, das ist dasjenige, was als zweites diese Geisteswissenschaft vermittelt."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p022","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p022","passage_number":22,"word_count":142,"text":"Und was wird aus den Idealen, wenn man sie in dieser Weise nach der Methode des geisteswissenschaftlichen Denkens in den Leib hinein gewissermaßen impft? Sie werden ergriffen, diese Ideale, von demjenigen, was sonst nur der gewöhnlichen Sinneswelt aus diesem Leibe zugelenkt ist. Das, was aus dem Leib nach und nach in unserer Kindheit erwacht, die Liebe, die sinnliche Liebe, sie wird, wenn der Mensch von Geisteswissenschaft ergriffen wird, so, daß nun auch alle Ideale nicht bloße Abstraktion bleiben, daß sie nicht bloße Gedanken bleiben, sondern daß sie geliebt werden, geliebt werden mit dem ganzen menschlichen Wesen; sie wird so, daß man das Geistige, das unserer Moral, unserer Ethik, unserer Sittlichkeit, unseren religiösen Impulsen zugrunde liegt, so liebt, wie man einen geliebten Menschen liebt, daß einem dasjenige, was sonst abstrakt bleibt, ganz und gar konkret wird wie ein Wesen aus Fleisch und Blut."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p023","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p023","passage_number":23,"word_count":312,"text":"Daher mußte überwunden werden durch die «Philosophie der Freiheit» aller kategorische Imperativ Kants, der schon Schiller sehr gestört hat, weil dieser kategorische Imperativ in das Menschenleben hereinragt wie etwas, dem man sich unterwirft. Und das, was Kant sagt aus einem Bewußtsein heraus, das heute überwunden werden muß, wenn wir weiterkommen wollen: «Pflicht! du erhabener, großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst», der du «ein Gesetz aufstellst ..., vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich im Geheimen ihm entgegenwirken» -, das muß ersetzt werden durch das andere: Freiheit, du wunderbares Geistgebilde, das alles in sich schließt, dem sich meine Menschheit liebend ergeben möchte! - Schiller wurde gestört durch den unmenschlichen kategorischen Imperativ Kants, und er sagte: «Gerne dien’ ich den Freunden, doch tu’ ich es leider mit Neigung. Und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.» — «Da ist kein anderer Rat, du mußt suchen, sie zu verachten, und mit Abscheu alsdann tun, wie die Pflicht dir gebeut.» Schiller sah empfindungsgemäß das ganze Philiströse und Unmenschliche in diesem kategorischen Imperativ. Er lebte noch nicht in der Zeit, in der man — wie in der Gegenwart — darauf hinzuweisen hatte, daß über alle Naturgrundlage hinaus in geistigen Grundlagen dasjenige gesucht werden müsse, was sich als geistige Wissenschaft vereint mit dem Menschenwesen, und was das, was in uns geistig leben soll, zu einem Impuls der Liebe macht. Wird ein solcher Impuls der Liebe unter Menschen zum sozialen Antrieb, dann wird die soziale Gemeinschaft auf Vertrauen gestellt. Dann steht der Mensch dem Menschen gegenüber so, daß dasjenige, was zwischen den Menschen geschieht, durch das Erleben jedes einzelnen Menschen geschieht, nicht dadurch geschieht, daß die Menschen wie eine Tierherde leben und durch irgendeine Organisation von oben ihnen alles dasjenige befohlen wird, alles angeordnet wird, was die Richtung, der Weg ihres Lebens sein soll."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p024","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p024","passage_number":24,"word_count":54,"text":"Und so kann man sagen: Stark wollte ich dazumal im Beginn der neunziger Jahre mit meiner «Philosophie der Freiheit» den Ruf nach etwas erheben, von dem heute das Gegenteil, das furchtbare, menschenmörderische Gegenteil sich geltend macht im Osten von Europa, und von da ansteckend manches andere, und über einen großen Teil von Asien hin."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p025","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p025","passage_number":25,"word_count":113,"text":"Wir lebten eben in der neueren Zeit uns in soziale Verhältnisse herein, die — aus den perversen menschlichen Instinkten heraus — das volle Gegenteil suchten von dem, was man hätte anstreben müssen aus der Erkenntnis des wahren, tieferen Zieles der modernen Menschheit — das ist die furchtbare 'Tragik der neuesten Zeit. Es ist aber auch die unbedingte Notwendigkeit der neuesten Zeit für ein Streben nach der Zukunft hin, daß wir erkennen: So muß die soziale Ordnung gebaut werden, wie sie nur gebaut werden kann auf ein freies Denken, auf Vertrauen, auf dasjenige, was Goethe meinte, als er die Pflicht definieren wollte, und sagte: Pflicht ist, wenn ich liebe, was ich mir selbst befehle."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p026","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p026","passage_number":26,"word_count":101,"text":"Meine sehr verehrten Anwesenden, wenn eine Erziehung so für die Wege des Lebens und die Wege der Seelen der Menschen arbeitet, daß diese Menschen aus einem regen Interesse für ihre Umwelt heraus wissen, wie sie zu den anderen Menschen stehen sollen, indem eben das ganze Dasein durchtränkt wird mit Menschenwürde, dann allein kann das Ideal der neueren Zeit erfüllt werden. Durch keine Organisation [kann das erfüllt werden], denn sie nimmt eben so viel weg von dem, was die Menschen heute [in Freiheit] anstreben müssen, wenn sie ihrer Natur folgen, und das muß nicht in Freiheit, sondern in Unfreiheit, in Niedergang hineinführen."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p027","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p027","passage_number":27,"word_count":216,"text":"Und niemals habe ich einen Hehl daraus gemacht, indem ich die «Philosophie der Freiheit» und dann die darauf gebaute anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft vertrat, niemals habe ich einen Hehl daraus gemacht, daß es mir nicht ankam auf diesen oder jenen Inhalt, auf diese oder jene Einzelheit. Ich habe immer mit einer gewissen Ironie von denjenigen gesprochen, denen es die Hauptsache ist zu hören: Aus wieviel Gliedern besteht die menschliche Natur? Was ist in dem oder jenem Bezirk der geistigen Welt zu finden? — Immer habe ich mit einer gewissen Ironie über ein solches Streben gesprochen, dagegen kam es mir immer darauf an, die Frage zu beantworten: Was wird aus dem ganzen Menschen, aus der menschlichen Haltung, seelisch, leiblich und geistig, wenn dieser Mensch sich bemüht, nicht so zu denken, wie es ihm die bloße Naturwissenschaft heute gibt, nicht so zu wollen, wie es die Organisationen ihm einimpfen, sondern so, wie es im Sinne der «Philosophie der Freiheit» und der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft ist? — Darauf machte ich immer aufmerksam, daß das Denken, das einfach durch die Aufnahme dieser Geisteswissenschaft erzeugt wird, beweglich wird, daß es das Interesse weit öffnet für die Angelegenheiten der Gegenwart, daß es einen freien und unbefangenen Blick gibt für dasjenige, was notwendig ist, und für dasjenige, was zurückhält unser Vorwärtsschreiten in der Menschheitsentwicklung."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p028","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p028","passage_number":28,"word_count":288,"text":"Daß es vieles gibt, was zurückhält unser notwendiges Vorwärtsschreiten in der Menschheitsentwicklung - ich darf sagen, es trat mir schon früh, vor reichlich vierzig Jahren entgegen, als ich genauer kennenlernte durch einen Schüler von Gervinus solche Menschen, die innerhalb des deutschen Geisteslebens wie Gervinus dachten - Gervinus, dieser merkwürdige Deutsche, der unter den Eindrücken, die auf ihn die Revolutionsjahre um 1848 gemacht haben, geschrieben hat seine Geschichte der deutschen Literatur und seine Geschichte des deutschen Volkes des 19. Jahrhunderts. Vertieft man sich in die Geschichte der deutschen Literatur dieses Gervinus, so sagt man sich noch heute: Er hat eigentlich angegeben die Richtlinien, denen dann alle späteren Literaturgeschichtsschreiber gefolgt sind. Er hat angegeben die großen Linien, nach denen das deutsche Altertum, das deutsche Mittelalter, Minnesang und Meistersang, nach denen die Vorzeit der deutschen klassischen Periode zu beurteilen ist. Er hat aber auch angegeben die Richtlinien einer gesunden Beurteilung der Goethe-Schiller-Zeit. Man mag heute manches bei ihm pedantisch finden — die anderen sind noch pedantischer, die ihm gefolgt sind. Und mancher, der heute glaubt, auf den Höhen einer ganz besonders modernen, expressionistischen Zeit zu stehen, dem merkt man so recht an, wie durch seinen Snobismus hindurch eine Pedanterie erscheint, die viel größer ist, als die alten Zöpfe sie gehabt haben, deren Pedanterie ich aber damit nicht etwa in Schutz nehmen möchte. Aber etwas Merkwürdiges trat einem bei Gervinus entgegen, bei diesem Gervinus, der in den siebziger Jahren recht bitter wurde, so daß er - trotzdem man ihm so viel schuldete - viel Anstoß erregte bei denjenigen, die unter den Auspizien dieser siebziger Jahre hineinzusegeln glaubten in das goldene Zeitalter des Deutschtums und die jedenfalls nicht ahnten, wie in dem damals schon die Keime lagen zu dem, was nun geworden ist."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p029","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p029","passage_number":29,"word_count":196,"text":"Dieser Gervinus, was hat er als sein eigenes, gutgemeintes Ergebnis ausgesprochen gerade in seiner Geschichte der deutschen Literatur? Das Merkwürdige hat er ausgesprochen: Die deutsche Dichtung ist mit Goethes Tode zu Ende. — Man denke nur, meine sehr verehrten Anwesenden, derjenige, der zuerst mit aller tiefen Liebe diese deutsche Literatur geschildert hat, er hat am Schlusse seiner Schilderung ausgesprochen, daß das deutsche Volk nicht ferner hinhören solle auf dasjenige, was von allerlei Lyrikern und dergleichen kommt, sondern daß man sich bewußt werden soll desjenigen, was bis 1832 aus dem tiefsten Wesen der Deutschheit heraus sich an die Oberfläche gerungen hat. Des ferneren aber, meint Gervinus, muß sich das deutsche Volk nicht mehr widmen der Lyrik und Dramatik, nicht mehr der Belletristik, sondern der Politik, der Praxis. Die Zeit der Praxis sei gekommen. In einer merkwürdigen Weise trat mir da der erste Keim davon entgegen; ich fühlte ihn dazumal vor reichlich vierzig Jahren, als ich in der Technischen Hochschule in Karl Julius Schröer, meinem lieben alten Freunde Schröer, den ganzen Gervinismus in dieser Weise überliefert bekam. Ich empfand dazumal etwas, was ein Keim war von einem anderen, das einem in voller Ausbildung, möchte ich sagen, heute entgegentrritt."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p030","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p030","passage_number":30,"word_count":243,"text":"Es gab ja eine ganze Anzahl solcher Menschen, die wie Gervinus aus einer zum großen Teil gerechtfertigten Erkenntnis heraus sagten: Die Zeit des innerlichen Sinnens, die Zeit, wo man abgeschlossen von dem praktischen Leben draußen in geistigen Höhen strebte, die ist vorbei. Es handelt sich darum, sich nun der Lebenspraxis zu widmen. -— Aber man konnte, indem man diesen Keim wahrnahm, schon etwas erfühlen: daß ja nun alle diese Leute, die so sprachen, hinwiesen in ganz abstrakter, wirklichkeitstremder Art auf das praktische Leben, daß sie gewissermaßen die alten Ideale als erfüllt betrachteten und auf ein neues, praktisches Leben hinwiesen, für dieses praktische Leben aber keine impulsierenden Ideen, keine impulsierenden Kräfte hatten. Denn fragte man etwa Gervinus: Was ist denn der geistige Inhalt desjenigen, was du so schön bis 1832 beschrieben hast? Man bekam ein gewaltiges, großes Tableau in der Darstellung. Fragte man: Was soll in den Herzen, in den Seelen derjenigen Menschen leben, die nun herausziehen sollen in das praktische Leben, die dieses praktische Leben führen sollen, die aus den Wegen der Seele heraus die Wege des Lebens finden sollen? -, nichts war da, keine neuen Ideale waren da! Und in der Seele mußte der Gedanke aufsteigen: Es muß ja erst die Welt, die geistige Welt gefunden werden, aus der die neuen Ideale für eine neue Lebenspraxis gefunden werden können; es muß erst wissenschaftlich ergründet werden diese geistige Welt, so wie seit drei bis vier Jahrhunderten die natürliche Welt wissenschaftlich ergründet worden ist."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p031","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p031","passage_number":31,"word_count":163,"text":"Und im Grunde genommen hat es die Zeit ergeben, daß die Welt ohne dieses Schöpfen aus diesen geistigen Quellen heraus geblieben ist, daß sie Praxis begründen wollte, aber Praxis ohne Geistigkeit - und dieses Begründenwollen der Praxis ohne Geistigkeit, das hat uns in die heutige Niedergangszeit, in die Zeit der Not, des Elendes, der Hoffnungslosigkeit hineingeführt. Und so manches wurde gesagt, um immer wieder und wiederum hinzuweisen auf dasjenige, wohin wir eigentlich steuern. Ja, so manches durchdrang die Vorträge, die ich seit zwei Jahrzehnten auch hier in Stuttgart halten durfte, manches von dem, was mir notwendig schien, aus der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft den Menschen zum Bewußtsein zu bringen, wenn es aufwärtsgehen sollte — aufwärtsgehen sollte nicht durch Kanonen und Gewehre, sondern durch eine Lebenspraxis, die von Geistigkeit getragen wird, aber von einer solchen Geistigkeit, die erst neu geschöpft werden muß. Und da darf ich heute auf eines hinweisen, was ich von den verschiedensten Gesichtspunkten aus als etwas zu unserer Geisteswissenschaft Gehörendes gesagt habe."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p032","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p032","passage_number":32,"word_count":250,"text":"Ich habe gesagt: Wenn jemand dieselbe Betrachtungsweise, die uns geworden ist aus der Naturwissenschaft heraus, die unsere Gedankenformen erfüllt mit naturwissenschaftlichen Gestaltungen, wenn jemand diese auf die Geschichte anwendet, dann sieht er in der Geschichte nur dasjenige, was zum Niedergang führt. Denn in der Geschichte gibt es immer Kräfte, die Niedergangserscheinungen bewirken. Und verfolgt man die Geschichte nur mit den Methoden, die in der Naturwissenschaft üblich sind, wie es zum Beispiel der englische Kulturhistoriker Buckle getan hat und die, die ihm folgten, dann sieht man in der Geschichte nur dasjenige, was zu dem Untergang führt, dann sieht man nur die Abendröte der Geschichte. Um das zu sehen, was in der Geschichte die Aufstiege bewirkt hat, hat man nötig, in die geistige Welt hineinzuschauen. Dasjenige, was in der Geschichte die Aufstiege bewirkt, sind Impulse, die aus der geistigen Welt hervorgehen. Ich habe hier schon darauf hingewiesen, daß wir zum Beispiel durch Gibbon eine vorzügliche, aus dem naturwissenschaftlichen Zeitalter heraus geschriebene Geschichte über die Dekadenz des Römertums haben. Was uns aber heute noch fehlt, ist eine Geschichtsdarstellung desjenigen, was als der Impuls des Christentums in die untergehende römische Welt hineingefallen ist. Man kann das, was im Römertum unterging, mit naturwissenschaftlicher Denkweise beschreiben; nicht aber kann man das, was im Christentum aufstieg, mit naturwissenschaftlicher Denkweise beschreiben. Ich habe auf das hingewiesen. Und was folgt aus dem, worauf ich so hingewiesen habe — scheinbar vielleicht nur ideell, scheinbar nur in Gedanken, in Wirklichkeit aber im Hinblick auf die Wege des Lebens? Was folgt daraus?"},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p033","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p033","passage_number":33,"word_count":179,"text":"Das folgt daraus: Wenn jemand auftreten würde in unserem Zeitalter, in dem die Naturwissenschaft so alle Kreise, alle Köpfe ergriffen hat bis in die Kreise der Jesuiten hinein, wie ich es angedeutet habe, wenn jemand auftreten würde, aus diesem naturwissenschaftlichen Geiste heraus eine Lebens-Geschichtsbetrachtung zu geben, was müßte er sagen? Er kann ja nur Niedergangserscheinungen sehen, denn er betrachtet unsere abendländische Kultur aus dem naturwissenschaftlichen Denken heraus. Was müßte ein solcher Mensch schreiben, wenn er aus der naturwissenschaftlichen Denkweise heraus über die Gegenwart schreibt? - Er schreibt: «Der Untergang des Abendlandes». Und haben wir nicht - im Gegensatz zu allem gesunden Denken der Geisteswissenschaft -— nun auch dieses furchtbare literarische Produkt erhalten: «Der Untergang des Abendlandes» — eine morphologische Geschichtsbetrachtung von Oswald Spengler. Meine sehr verehrten Anwesenden, daß dies möglich ist, das kann nur begriffen werden daraus, daß diejenigen, die eben heute nur mit naturwissenschaftlicher Denkweise gesättigt sind, nur die Niedergangserscheinungen sehen können, so daß sie prophetisch voraussagen müssen: Die ganze Kultur muß zugrunde gehen. - Das ist der Inhalt des Spenglerschen Buches: die Voraussage des Niederganges unserer Kultur."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p034","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p034","passage_number":34,"word_count":174,"text":"Muß sie denn nicht vielleicht niedergehen, wenn alle Menschen so denken, wie dieser Spengler denkt? Geradeso wie man Materialist werden muß, wenn man das Denken nicht loslöst von der Leiblichkeit, so muß man denken über die abendländische Kultur, wie Oswald Spengler denkt, wenn man aus nur naturwissenschaftlichen Voraussetzungen heraus diese Kultur des Abendlandes anschaut. Aber wenn alle sie so anschauen, wenn alle glauben, wir müssen zugrunde gehen, dann werden wir auch zugrunde gehen. Deshalb nenne ich dieses Buch ein furchtbares Buch. Denn diejenigen, die von diesen Ideen, von diesen Impulsen angesteckt sind und sie aufnehmen in einer ehrlichen Weise, die müssen zu Trägern des Niedergangs werden aus den tiefsten Tiefen ihrer Seele heraus, die müssen Seelenwege betreten, welche auf den Lebenswegen in den Abgrund hineinführen. Man muß von Zeit zu Zeit auf solche Erscheinungen hinblicken, weil sich nur an denen zeigt, bis in welche Tiefen des menschlichen Lebens hinein heute die Niedergangserscheinungen vorhanden sind, bis in welche Tiefen hinein aus den Wegen der Seele vorbereitet werden die in die Abgründe hinuntersausenden Wege des Lebens."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p035","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p035","passage_number":35,"word_count":156,"text":"Solchen Dingen gegenüber steht nun allerdings die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Sie hält ihren Blick gerichtet auf dasjenige, was vom Menschen in der geistigen Welt wurzelt. Gerade das wird an ihr selbstverständlich am meisten angegriffen, daß sie geltend macht, der Mensch könne, wenn er nur die in ihm vorhandenen Kräfte der Seele ausbildet, zum Anschauen einer geistigen Welt kommen. Das wird heute schroff fast von allen Seiten zurückgewiesen als Schwärmerei, trotzdem man leicht verfolgen könnte, daß diejenigen Wege nach der geistigen Welt hin — die ich versuchte zu eröffnen in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meinem Versuch zu Meditationen über die Selbsterkenntnis und so weiter -, daß diese Wege ebenso sichere sind wie diejenigen, die in die Felder der Mathematik mit absolut klarem, scharfumrissenen Denken hineinführen. Nur wird bei diesem Geistesforschen nicht bloß gedacht, sondern auch andere, realere Kräfte der Seele als bei der Mathematik kommen bei diesem Forschen in Betracht."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p036","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p036","passage_number":36,"word_count":276,"text":"Da muß diese Geistesforschung allerdings über die geistige Welt sprechen; da kann sie sich nicht auf den Untergrund stellen, auf den sich heute viele traditionelle Bekenntnisse stellen. Was verkünden diese traditionellen Bekenntnisse? Eines, was sie zum Beispiel verkünden, ist ja etwas, was allerdings in vollem Maße gerade natürlich durch die Geisteswissenschaft herauskommt: die Unzerstörbarkeit der menschlichen Seele, wenn der Leib der Erde übergeben wird, das Hineintreten des Menschen in die geistige Welt, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht. Aber es kommt nicht allein darauf an, daß man zu solchen Ergebnissen kommt, sondern es kommt darauf an, wie diese Ergebnisse im Menschen heranerzogen werden. Und wie wird heute die Unsterblichkeitsidee kultiviert? Indem man auf die egoistischen Instinkte der menschlichen Seelenwege ausgeht. Lesen Sie die unzähligen Predigten, lesen Sie die unzähligen Betrachtungen über dieses Thema - Sie werden überall finden, wie man spekuliert darauf, daß der Mensch ein egoistisches Interesse intensivster Art hat, daß er mit dem Tode nicht zugrunde gehe. Im Grunde genommen ist alles Reden über Unsterblichkeit ein Entgegenkommen diesem seelischen Egoismus. Die Art, wie man die Idee vertritt — die ist damit charakterisiert. Und scharf geleugnet wird gegenüber dieser halben Unsterblichkeit das andere, dasjenige, was noch Origenes ausgesprochen hatte, der allerdings von der Kirche als ketzerisch angesehen wurde: die Präexistenz der Seele, auf die der unbefangene Geistesforscher wieder zurückkommt. Was haben im Grunde genommen die heutigen Bekenntnisse zu geben? Die Überzeugung, daß zwei Menschen in der Welt zusammenkommen, ein Kind zeugen und daß aus der geistigen Welt heraus dann die Seele neu gezeugt wird, daß jedes Mal, wenn hier ein sinnlicher Vorgang vorgeht, ein geistiger Vorgang hinzugefügt wird aus den geistigen Welten."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p037","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p037","passage_number":37,"word_count":252,"text":"Meine sehr verehrten Anwesenden, diese Idee ist keine christliche. Diese Idee ist eine aristotelische. Aristoteles war es, der aus der Dekadenz des Griechentums heraus, aus nicht mehr verstandenem Platonismus heraus, diese Entstehung der Seele mit dem Leibe gelehrt hat und damit die einseitige Unsterblichkeit bloß nach dem Tode. Und so vertreten die christlichen Bekenntnisse, indem sie die Präexistenz leugnen, nicht etwas Christliches, sondern sie vertreten etwas Aristotelisches, etwas, was durchaus in seinen Tiefen mit dem Christentum nichts zu tun hat. Und kommt dann Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, und deckt den ganzen Tatbestand auf, dann kommen die «Trauben» wie der Pfarrer, der Professor Traub, und erklären, die Geisteswissenschaft schreibe ja bloß ab. Nein, so ist es nicht. In Wahrheit stimmt man mit Bezug auf gewisse elementare Dinge ebenso mit alten Wahrheiten überein, wie man heute in der Geometrie übereinstimmt mit dem alten Euklid. Aber diese Leute wie Traub haben alles Interesse, Schutt zu werfen über dasjenige, was in älteren Zeiten da war, weil man ja, wenn man unbefangen studiert, darin erkennen würde, woher ihre eigene Weisheit ist. Gerade ihre Weisheit ist von alledem entlehnt, was sie aber begraben wollen, damit man nicht dahinterkommt. Daher machen sie die Leute graulich, als wenn Anthroposophie schöpfe aus der Gnosis und dergleichen, damit die Leute die Gnosis für etwas Gefährliches halten und nicht selber nachschauen, wie zwar nicht in die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, wohl aber in den modernen Bekenntnisinhalt diese Gnosis geflossen ist, indem man in die Dekadenz gebracht hat, was in der Gnosis lebte."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p038","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p038","passage_number":38,"word_count":150,"text":"Diese Geisteswissenschaft muß gerade darauf hinweisen, wie der Mensch herabsteigt aus der geistigen Welt, wie nicht eine Laune der physischen Welt die göttlich-geistige Welt veranlaßt, eine Seele zu schaffen zu dem, was Menschen auf der Erde zeugen, sondern wie die Seele aus der geistigen Welt heruntersteigt mit Erlebnissen, die sie da gehabt hat; sie muß gerade darauf hinweisen, wie das physische Leben eine Fortsetzung eines geistigen Lebens ist. Zu der halben Unsterblichkeit wird die ganze, volle Unsterblichkeit durch die Geisteswissenschaft hinzugefügt. Geht man diesen Weg, dann erkennt man, wie das Geistige einfließt aus geistigen Welten in den einzelnen Menschen. Man erkennt auch, wie das Geistige einfließt aus geistigen Welten — aber durch den Menschen - in Kulturfortschritte, und wie diese Kulturfortschritte ganz bestimmte abgegrenzte Epochen und Perioden haben. Wir stehen heute in derjenigen Periode, die in bezug auf Kultur- und Zivilisationsauffassung durchaus in etwas Neues einmünden muß. Das ist so."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p039","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p039","passage_number":39,"word_count":165,"text":"Wenn man solch ein Buch - es ist ja ziemlich dick - wie das von Oswald Spengler durchgeht, dann sieht man, wie er aus seiner naturwissenschaftlichen Denkungsweise heraus die einzelnen Kulturen betrachtet. Er sagt: Kulturen - sie entwickeln sich immer; sie hatten ein Kindheitsalter, ein Jugendalter, ein Reifealter, ein Sterbealter. So war es bei den orientalischen Kulturen. Sie sind entstanden, gewachsen, reif geworden, gestorben. So war es auch bei der griechischen Kultur. Und so ist es auch mit unserer Kultur; und unsere Kultur ist Jetzt in der Zeit des Sterbens. Denn, sagt er, wir sind genötigt, die Kulturen so anzuschauen, wie wir einen Eichbaum oder eine Pinie anschauen. Ein Eichbaum entsteht, wächst, wird reif, stirbt ab. Die Kulturen, die schauen wir ebenso an. - Ja, wir schauen sie dann ebenso an, wenn wir ganz und gar durchimpft sind mit bloßer naturwissenschaftlicher Denkweise. Lernen wir dazu die Geistesschau kennen, lernen wir sie in der richtigen Weise pflegen, dann wissen wir auch die Kulturen anders zu betrachten."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p040","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p040","passage_number":40,"word_count":313,"text":"Dann kommt dasjenige in unsere Seelen, was ich hier bei meinem letzten Aufenthalt in Stuttgart wie einen Abriß des geschichtlichen Lebens der Menschheit gegeben habe, indem ich darauf hingewiesen habe, daß einstmals in Urzeiten die Menschen zwar ein instinktives Wissen, ein instinktives Geistesleben hatten, aber etwas Höheres, als wir heute mit unserer Intellektualität erreichen können. Gegenüber dem, was im Anfang da war aus den menschlichen Weisheitsinstinkten heraus, haben wir allerdings heute eine Niedergangsepoche. Aber verstehen wir, so wie es die Geisteswissenschaft meint, in unseren Seelen den Quell zu eröffnen für freies, lichtvolles Denken, für Freiheit, die zugleich Liebe ist, für soziales Vertrauen, für Geistesschau überhaupt, dann dringt durch unsere Seele, durch dasjenige, was in uns lebt, das in diese Erdenkultur, in diese Erdenzivilisation hinein, was wiederum einen Aufstieg bewirkt. Würden wir aber uns bloß erfüllen mit dem, was uns die Naturbetrachtung und die naturwissenschaftliche Weltanschauung geben kann, könnten wir nur glauben an das, was heute durch diese Anschauung da ist, dann gäbe es einen unweigerlichen Niedergang. Es wird den Niedergang nicht geben, wenn wir gewahr werden, daß in uns der Quell ist eines Denkens, das sich loslösen kann von der Leiblichkeit, daß in uns der Quell ist eines Wollens, das ebenso lieben kann das In-die-geistige-Welt-Hinaufsteigen, wie nur die Geschlechtsliebe etwas lieben kann. Heben wir das in Freiheit, was an Weisheit die alte Menschheit in Instinkten bekommen hat und was heute erst gehoben werden kann dadurch, daß uns die Leiblichkeit nichts mehr hergibt, heben wir das in Freiheit, dann fügen wir dem, was niedergehen will, die Impulse des Aufsteigens ein. So ist die Sache, daß heute vor die Menschheit die Frage hingestellt ist: Ist denn die Welt nicht im Niedergang? - Ja, sie ist im Niedergang, wenn der Mensch nur dem folgen will, was ihm von außen gegeben wird, wenn er nur eingespannt sein wird in eine von außen gegebene natürliche oder soziale Organisation."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p041","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p041","passage_number":41,"word_count":187,"text":"Der Niedergang wird nicht erfolgen, wenn der Mensch aus seinem Inneren heraus eine neue Welt aufbaut und gründet. Die Lenins und Trotzkis, die in allem Extrem eine neue Welt aufbauen wollen nur auf Naturwissenschaft, sie führen am schnellsten, am intensivsten in den Niedergang hinein. Diejenigen, die eine neue Welt aus dem Geiste aufbauen wollen, die führen zu einem sozialen Aufstieg - aber die allein. Denn für alle die, die heute noch glauben, durch äußere Institutionen, durch allerlei äußere Mittelchen, Marxismus oder dergleichen, könne man an der Welt herumkurieren, für alle die hat Oswald Spengler richtig gesprochen. Wenn nur diese Leute mit ihren Kräften an der Welt arbeiten, wenn nur sie die Weltentwicklung dirigieren, dann muß sich die Prophetie Spenglers erfüllen. Denn er hat nur die Konsequenz aus demjenigen gezogen, aus dem sie einer ziehen muß, der heute nur von naturwissenschaftlicher Weltanschauung erfüllt ist. Ernst sind heute die Wege des Lebens, und notwendig ist es, daß der größte Ernst ergreife die Wege der Seele. Aber man muß eben auch Ernst machen mit solch großen Angelegenheiten. Und man muß in die Lage kommen können, aus Symptomen heraus zu urteilen."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p042","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p042","passage_number":42,"word_count":297,"text":"Ich sagte Ihnen, daß vor reichlich vierzig Jahren, als ich als junger Mann durch Vermittelung Schröers die Denkweise von Gervinus kennenlernte und selbst dann an Gervinus herantrat, es tief auf mich gewirkt hat, wie Gervinus die Praxis fordert, aber keine Ideen hat für die Praxis, wie er die Welt, in der noch diejenigen Ideen waren, von denen er allein zu sprechen weiß, im Jahre 1832 abgeschlossen haben will, beendet haben will mit dem Tode Goethes. Es hat tief auf mich gewirkt, wie er die Leute dazu aufruft, nicht weiter zu lyrisieren, zu dramatisieren, nicht weiter Belletristik zu treiben, sondern sich den praktischen Aufgaben des Lebens zu widmen, wie er die Leute auf die Praxis hinausweist, aber keine Ideen hat für diese praktischen Aufgaben des Lebens. Und so haben sich die Leute auch verhalten. Die Lyriker waren nur für die Schule da, höchstens noch für den Konzertsaal; da hat man sie deklamiert. Was aber aus dem geistigen Leben geflossen ist, konnte nicht eingreifen in die Wege des Lebens. Ein Mißklang war zwischen den Wegen der Seele und den Wegen des Lebens. Und so haben wir uns entwickelt. Jetzt kommen Leute wie Oswald Spengler und sagen: Alles das, was die abendländische Kultur, die abendländische Zivilisation gebracht hat, ist fertig, es ist dem Untergang geweiht! - Was also tun? Das ist nun ganz besonders interessant, und das wollen wir uns einmal mit Spenglers eigenen Worten vor die Seele führen, warum er eigentlich sein Buch geschrieben haben will, für welche Geister er es eigentlich gedacht hat. Er sagt da selbst: Wenn unter dem Eindruck dieses Buches sich die Menschen der neueren Generation der Technik statt der Lyrik, der Marine statt der Malerei, der Politik statt der Erkenntniskritik zuwendet, so tun sie, was ich wünsche, und man kann ihnen nichts Besseres wünschen."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p043","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p043","passage_number":43,"word_count":335,"text":"Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich denke, daß in dem Zeitalter, in dem man glaubt, es so herrlich weit in der Praxis gebracht zu haben, sich Leute der Technik statt der Lyrik, der Marine statt der Malerei, der Politik statt der Erkenntniskritik schon zugewendet haben, bevor Spengler sein Buch geschrieben hat — das alles war wahrhaftig schon da; Politiker gab es ja wahrhaftig bisher nicht zu wenige. Jetzt Dekadenzprophetien zu machen über den Untergang der abendländischen Kultur, jetzt gestehen zu müssen, daß man die Leute auffordern will, sich abzuwenden von der Geistigkeit, sich einer Praxis zuzuwenden, für die man keine Ideen hat, ja, prinzipiell keine Ideen haben will, jetzt den Ideen des Abendlandes den Untergang zu prophezeien, weil man sie im Sterbealter glaubt - das ist aus dem Herzen der Niedergangszeit heraus gesprochen. Und ich darf vielleicht, ohne ins Unbescheidene zu verfallen - denn ich möchte ja nur ein Wollen, einen Versuch, einen Anfang charakterisieren - ich darf vielleicht aufmerksam darauf machen, daß dasjenige, was hier als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft vorgebracht worden ist und was jetzt aus dieser Geistigkeit heraus praktische Gestalt gerade hier von seiner Zentrale, von Stuttgart aus, annehmen will, auf dem entgegengesetzten Standpunkte steht. Wir sagen den Leuten nicht: Wendet euch ab von aller Geistigkeit, denn das ist im Niedergang, und wendet euch dem kommenden Tag zu. - Wir sagen den Leuten: Neue Geistigkeit muß geschöpft werden; wir brauchen ein Hineinsteigen in neue Quellen des geistigen Lebens. Wir brauchen das Eintreten in die Seelenwege einer Geistesschau, damit wir finden können gerade dasjenige praktische Leben, das getragen wird von wirklichkeitsgemäßen Ideen. Ohne Ideen haben wir uns in den Niedergang hineingeritten; mit Ideen, die aber jetzt nicht die traditionellen, die alten sein können, sondern die neu geschöpft sein müssen, mit diesen neuen Ideen allein werden wir in den Aufgang hineinkommen können. Allerdings, es scheint, als ob es so rasch nicht gehen könnte, denn dasjenige, was man anschauen kann im großen, es zeigt sich auch im kleinen. Aber davon will ich auch nur symptomatisch sprechen."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p044","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p044","passage_number":44,"word_count":214,"text":"Die Art und Weise, wie man ein solches Wollen, wie es von hier ausgeht, beurteilt — sie mußte in der Nummer 50 unserer Zeitung «Dreigliederung des sozialen Organismus» von Eugen Kolisko unter dem Titel «TIheologenkritik und Gewissenhaftigkeit» gekennzeichnet werden. Es mußte wieder einmal gekennzeichnet werden anhand des Buches eines Universitätsprofessors, des Dr. Philipp Bachmann, Professor der Theologie an der Universität Erlangen. Dieses Buch «Tod oder Leben?» ist hier in Stuttgart erschienen. Lesen Sie den Artikel, den Herr Dr. Kolisko geschrieben hat, und Sie werden sehen, daß er mit Recht am Schluß seine Besprechung in folgende Sätze zusammenfaßt, welche durchaus eine Charakteristik sind jener heute bloß durch Diplome und äußere Stellung wirkenden Wissenschaft, die aber innerlich hohl ist und die gerade immer diejenigen Kräfte entwickelt, die von dem angeblichen Geiste aus nur in den Niedergang hineinführen müssen. Man muß heute den Mut haben, nicht bloß im Allgemeinen, im Abstrakten die Niedergangserscheinungen zu charakterisieren, sondern man muß mit hellem Lichte hinleuchten darauf, wie wir heute ein angebliches Geistesleben haben, das selbst in den einfachsten Dingen mit einer Gewissenlosigkeit arbeitet, die nur noch parallel geht ihrer Gedankenlosigkeit, ihrer Unwissenheit. Das, meine sehr verehrten Anwesenden, darf man sich nicht verhehlen, wenn man heute sprechen will von den Einklängen zwischen den Wegen der Seele und den Wegen des Lebens."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p045","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p045","passage_number":45,"word_count":16,"text":"So mußte Herr Dr. Kolisko charakterisieren, was mit einem solchen, an sich unbedeutenden Büchelchen gekennzeichnet ist:"},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p046","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p046","passage_number":46,"word_count":39,"text":"> Es würde nicht notwendig sein, sich so eingehend mit diesem Buche zu befassen, wenn es nicht von einem Universitätsprofessor herrühren würde. Ein solcher muß wissen, was die Aufgabe einer objektiven Kritik ist. Die vorliegende Kritik ist aber leichtfertig."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p047","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p047","passage_number":47,"word_count":13,"text":"Namentlich ist leichtfertig, wie in diesem Buche der Gedankengang meiner «Geheimwissenschaft» wiedergegeben ist."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p048","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p048","passage_number":48,"word_count":233,"text":"> Man kann so auch nur auf dem Gebiete der Theosophie unbeschadet vorgehen. Denn hier wird man nicht nachgeprüft, wenn man das Widersinnigste behauptet. Anthroposophie, Theosophie, Spiritismus gilt vielen gleich viel, und nach dem Sprichwort, daß in der Nacht alle Kühe grau sind, kann man ungestraft alles zusammenführen und abfällige Kritiken verfertigen. - Würde auf irgendeinem anderen wissenschaftlichen Gebiete in so leichtsinniger Weise, ohne genügende Kenntnis des kritisierten Gebietes, eine Kritik verfaßt, würde nur in einem Fall, statt in vielen Stellen so entstellend, so sinnlos der Gedankengang eines Schriftstellers wiedergegeben, in dieser Weise vorliegende Literatur übergangen und Meinungen verschiedener Schriftsteller vermischt, so würde in wissenschaftlichen Kreisen der so sich Vergehende zur Rechenschaft gezogen werden, sein Ansehen, ja vielleicht seine Stelle verlieren. Wer seinen Lesern den Inhalt des in dem Buche «Die Geheimwissenschaft im Umriß» über die Wesensglieder des Menschen Gesagten mit den Worten wiedergibt: «Der physische Leib stirbt, der Ätherleib schläft, der Astralleib vergißt, das Ich (die Empfindungsseele) ist die Erinnerung», der ist entweder außerstande, einen fremden Gedankengang wiederzugeben, oder er tut es, um böswillig zu entstellen. Gleichwie, er ist als Kritiker gerichtet. Für das heutige Bildungswesen ist es ein Armutszeugnis, daß ein Universitätsprofessor ungehindert ein solches Machwerk in die Welt setzt. Was von dem Christentum eines Theologieprofessors zu halten ist, der solche Kritiken schreibt, überlasse ich denen zu beurteilen, die [in] sich noch etwas Empörung über solch leichtfertig gewissenloses Verfahren aufbringen können."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p049","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p049","passage_number":49,"word_count":24,"text":"Das hat nämlich jener Bachmann in seiner «Bachmannhaftigkeit» herausgefunden als den Inhalt desjenigen, was in meinem Buche «Die Geheimwissenschaft» steht. So lesen heute Universitätsprofessoren."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p050","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p050","passage_number":50,"word_count":269,"text":"Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist dasjenige, was heute widerstrebt aus allen Ecken heraus dem Wollen nach einem Aufstieg; das sind diejenigen, die nichts herankommen lassen wollen, was irgendwie zum Aufstieg führen kann. Diese Leute sind in breiter Masse vorhanden, sie erziehen unsere Jugend. Und da sind die «Spengler» und schreiben, daß wir notwendig dem Niedergang verfallen müssen. Warum schreiben die «Spengler» so? Weil sie unfähig sind, auf etwas anderes ihre Augen zu richten als lediglich auf die «Bachmänner» mit deren Unwissenheit und Leichtfertigkeit. Diese Dinge müssen in allem Ernste heute ins Auge gefaßt werden. Und ich darf, nachdem ich drei Vorträge habe vorangehen lassen, wohl am Schlusse heute sagen: Nachdem ich in meinen zwei ersten Vorträgen in der vorigen Woche versucht habe, etwas zu zeigen von den Wegen, die in erkenntnismäßiger Weise, in sozialer Weise die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gehen will — wissenschaftlich gehen will, nicht so, wie sie die «Bachmänner» und «Trauben» verleumden -, nachdem ich auch gesprochen von dem, was in Dornach künstlerisch ausgebildet werden soll, darf ich heute aussprechen, daß wahrhaftig bei denjenigen, welche in solcher Weise streben nach Wissenschaft und Kunst, erinnert werden kann an einen schönen Ausspruch, der von Goethe herüberragt und der ewig wahr bleiben wird: «Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion». Geisteswissenschaft und ihre Kunst, sie haben Religion, aber eine Religion, welche nicht auf blinden Glauben gebaut ist, sondern auf eine klare, lichte, eine wirklich geist-erkennende Wissenschaft, auf ein nach geistiger Vertiefung hinstrebendes künstlerisches Wollen. Und nachdem Goethe gesagt hat: «Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat Religion», fährt er fort: «Wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion!»"},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p051","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p051","passage_number":51,"word_count":236,"text":"In unserer Zeit aber darf vielleicht von dem Geisteswissenschafter, dem Vertreter des Dreigliederungsgedankens, als eine besondere, tiefste Herzensangelegenheit aus der Geisteswissenschaft heraus gesagt werden: Jawohl, wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion. — Aber heute kann Religion zu einem Aufstieg nur führen, wenn sie aus einer lebendigen Wissenschaft selbst lebendig schöpft, nicht aus einer Wissenschaft des Toten heraus; sie kann nur zum Aufstieg führen, wenn sie aus einem künstlerischen Wollen entspringt, das verbunden ist mit einer solchen Geist-Erkenntnis, daß man sagen kann: Wer heute besitzt eine Wissenschaft, die in Geistesschau wurzelt, wer heute versucht, wenn auch in einem noch so schwachen Anfang, eine Kunst, die mit dieser Geistesschau in ihrem intensivsten Wollen ganz verbunden ist, dem sollte man nicht vorwerfen, daß er dem religiösen Element auf dem Wege des Lebens in der Gegenwart widerstrebt. Denn wer nach dem Geiste sucht, wer den Geist künstlerisch zu verkörpern sucht, der hat gewiß auch den Willen, dasjenige in das soziale Leben hinüberzuführen, das, mit Menschenwert und Menschenwürde verbunden, in der sozialen Gemeinschaft wahrhaftig die Aufschau zu der göttlichen Weltenlenkung, zu den göttlichen Urkräften des Lebens übt - wahrhaftige Aufschau, die nicht bloß spekuliert auf den Egoismus der Menschen, sondern auf den Zusammenhang der Menschen mit den großen ewigen Gesetzen des Daseins. Zum Aufstieg führen kann nur eine Religion, die nicht auf den Egoismus spekulieren will, sondern auf die tiefste Harmonie des einzelnen Menschen mit der ganzen Welt hinweist."},{"locus":"GA 335/1920-06-15/p052","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/335/1920-06-15/p052","passage_number":52,"word_count":120,"text":"Und in demselben Maße, in dem solche Religion aus solcher Wissenschaft, aus solcher Kunst als Impuls die menschliche Seele durchdringt, in demselben Maße werden wir sozial weiterkommen. In demselben Maße werden wir trotz Not und Elend - vielleicht aber, wenn die widerstrebenden Kräfte allzu kräftig sind, noch durch viel Not und viel Elend -, entgegengehen nicht einem Untergang der Kultur des Abendlandes, sondern einem Aufstieg des wahrhaftigen menschlichen Lebens — einem Leben, in dem auf den Wegen der Seele und den Wegen des Lebens religiös, wissenschaftlich, künstlerisch gearbeitet werden kann und gearbeitet werden wird, in dem aus dem Geiste, aus der geisterfüllten Kunst, aus der geistgetragenen Religion heraus für die menschliche Gegenwart und in die menschliche Zukunft hinein gearbeitet wird."}]}