7. Fragen der Seele und Fragen des Lebens Eine Gegenwartsrede

GA 335/1920-06-15/p006 ·1920-06-15 · original (original)
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Es lag die Absicht zugrunde, zu beantworten die Frage: Wie kann der Mensch, der in die Gegenwart hineingestellt ist, gegenüber den großen sozialen Anforderungen der Gegenwart mit dem allerwichtigsten Gefühl, der allerwichtigsten Sehnsucht der neueren Zeit, mit dem Gefühl der Freiheit, der Sehnsucht nach der Freiheit, zurechtkommen? Und es ist ja ein Wesentliches gerade bei dieser Betrachtung des Wesens der Freiheit, daß gebrochen wurde mit der ganzen Art, wie man bis dahin eigentlich immer nach der Berechtigung der Freiheitsidee, des Freiheitsimpulses gefragt hat. Man hat gefragt: Ist der Mensch ein freies Wesen durch seine Naturanlage, oder ist er es nicht? — Diese Art der Frage scheint mir durch die ganze Entwicklung der neueren Menschheit für unsere Zeit überholt zu sein. Heute können wir nach dem, was die Menschheit in den letzten drei bis vier Jahrhunderten durchgemächt hat, eigentlich nur fragen: Ist der Mensch in der Lage, eine solche soziale Ordnung zu begründen, daß er, während er sich entwickelt von der Kindheit bis zum Reifealter des Lebens, in ihr dasjenige finden kann, was er berechtigt ist, als die Freiheit seines Wesens zu bezeichnen? Nicht, ob der Mensch frei geboren wird, wurde in der «Philosophie der Freiheit» gefragt, sondern in dieser Schrift handelt es sich darum, ob es dem Menschen möglich ist, in den Tiefen seines Wesens etwas zu finden, was er heraufholen kann aus unterbewußten oder unbewußten Untergründen in das volle, klare, lichte Bewußtsein, und ob er durch dieses Heraufholen ein freies Wesen in sich heranerziehen könne. Und geleitet wurde ich durch diese Betrachtung dahin, daß dieses Wesentlichste in der Menschheitsentwicklung der neueren Zeit nur begründet werden könne auf zweierlei: erstens auf dasjenige, was ich dazumal nannte das intuitive Denken, zweitens auf dasjenige, was ich dazumal nannte das soziale Vertrauen. Und da ich nicht mit diesen zwei Worten irgend etwas Abstraktes, Theoretisches bezeichnet habe, sondern Dinge der Wirklichkeit, Dinge des Lebens, so wurde ja dasjenige, was in meiner Schrift gemeint war, recht, recht langsam verstanden, denn wir leben einmal in der Zeit der Abstraktionen, wie ich hier oftmals ausgeführt habe. Wir leben in der Zeit des Theoretisierens. Und wenn von jemandem dasjenige geltend gemacht wird, was nur aus Wirklichkeitssinn stammt, und dieses so Geltendgemachte dann in Ideen gefaßt wird, dann verwechseln die Menschen das, was aus der Wirklichkeit herausgeholt ist und klar in Ideenform auftritt, mit dem, was in ihnen selbst als abstrakte, als unwirklichkeitsgemäße Ideen lebt. Und sie sehen dann das, was eigentlich wirken kann im Menschen als ein realer Impuls, an als irgend etwas UÜtopistisches oder dergleichen - diejenigen Menschen am meisten, die selbst nur Utopistisches in den Köpfen haben, die sehen dann so etwas als Utopie an.

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Cite: GA 335/1920-06-15/p006 · edition original