7. Fragen der Seele und Fragen des Lebens Eine Gegenwartsrede
Daher wurde versucht in meiner «Philosophie der Freiheit», auf der einen Seite darauf hinzuweisen, wie der Mensch wiederum dazu kommen müsse, sein Bewußtsein nicht nur anzufüllen mit dem, was er der Natur ablauscht, was die neuere Naturwissenschaft ihm an Ideen und Vorstellungen überliefert, sondern es wurde darauf hingewiesen, daß im Menschen selber sich ein Quell des inneren Lebens entwickeln kann. Und wenn er diesen Quell des inneren Seelenlebens erfaßt, wenn er dasjenige in der Seele erfaßt, was nicht von außen kommt durch die Betrachtung der Sinne, sondern was aus der Seele selbst kommt, dann erzieht er sich durch dieses Erfassen des intuitiven Seeleninhaltes zum freien Entschließen, zum freien Wollen, zur freien Tat. Und zu zeigen versuchte ich in meiner «Philosophie der Freiheit», daß man immer abhängig ist, wenn man nur folgt dem, was Naturimpulse sind, zu zeigen versuchte ich, daß man nur frei werden kann, wenn man in der Lage ist, zu folgen dem, was sich als intuitives Denken, als intuitives, reines Denken in der menschlichen Seele selbst entwickelt. Dieser Hinweis auf dasjenige, was sich der Mensch in seiner Seele erst selbsterzieherisch erobern muß, um wirklich der Freiheit teilhaftig zu werden, dieser Hinweis darauf führte dann dazu, daß ich notwendigerweise suchte die Fortsetzung desjenigen zu geben, was angedeutet war in der «Philosophie der Freiheit», und ich habe versucht, sie zu geben im Lauf der letzten Jahrzehnte durch das, was ich nenne anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Denn wenn man hingewiesen hat darauf, daß der Mensch aus den Tiefen seiner Seele selbst herausholen müsse den Impuls dieser Freiheit, das intuitive Denken, dann muß auch hingewiesen werden darauf, was herauskommt, wenn der Mensch sich diesem inneren Quell seines Seelenlebens zuwendet. Und im Grunde genommen nur eine Summe alles desjenigen, auf was dazumal in meiner «Philosophie der Freiheit» hingewiesen worden ist, sind die Ausführungen der anthroposophisch gehaltenen Schriften der nächsten Jahre. Ich habe darauf hingewiesen: In der Seele sind Wege zu verfolgen im Geistigen zu einem Denken, das nicht intellektuell bloß die Umwelt kombiniert, sondern das aus innerem Schauen heraus sich erhebt zum Erleben des Geistes. Und ich war gezwungen zu zeigen, was man da schaut, wenn man in die geistige Welt hineinblickt.
Cite:
GA 335/1920-06-15/p011 · edition original