7. Fragen der Seele und Fragen des Lebens Eine Gegenwartsrede
Daher mußte überwunden werden durch die «Philosophie der Freiheit» aller kategorische Imperativ Kants, der schon Schiller sehr gestört hat, weil dieser kategorische Imperativ in das Menschenleben hereinragt wie etwas, dem man sich unterwirft. Und das, was Kant sagt aus einem Bewußtsein heraus, das heute überwunden werden muß, wenn wir weiterkommen wollen: «Pflicht! du erhabener, großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst», der du «ein Gesetz aufstellst ..., vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich im Geheimen ihm entgegenwirken» -, das muß ersetzt werden durch das andere: Freiheit, du wunderbares Geistgebilde, das alles in sich schließt, dem sich meine Menschheit liebend ergeben möchte! - Schiller wurde gestört durch den unmenschlichen kategorischen Imperativ Kants, und er sagte: «Gerne dien’ ich den Freunden, doch tu’ ich es leider mit Neigung. Und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.» — «Da ist kein anderer Rat, du mußt suchen, sie zu verachten, und mit Abscheu alsdann tun, wie die Pflicht dir gebeut.» Schiller sah empfindungsgemäß das ganze Philiströse und Unmenschliche in diesem kategorischen Imperativ. Er lebte noch nicht in der Zeit, in der man — wie in der Gegenwart — darauf hinzuweisen hatte, daß über alle Naturgrundlage hinaus in geistigen Grundlagen dasjenige gesucht werden müsse, was sich als geistige Wissenschaft vereint mit dem Menschenwesen, und was das, was in uns geistig leben soll, zu einem Impuls der Liebe macht. Wird ein solcher Impuls der Liebe unter Menschen zum sozialen Antrieb, dann wird die soziale Gemeinschaft auf Vertrauen gestellt. Dann steht der Mensch dem Menschen gegenüber so, daß dasjenige, was zwischen den Menschen geschieht, durch das Erleben jedes einzelnen Menschen geschieht, nicht dadurch geschieht, daß die Menschen wie eine Tierherde leben und durch irgendeine Organisation von oben ihnen alles dasjenige befohlen wird, alles angeordnet wird, was die Richtung, der Weg ihres Lebens sein soll.
Cite:
GA 335/1920-06-15/p023 · edition original