7. Fragen der Seele und Fragen des Lebens Eine Gegenwartsrede

GA 335/1920-06-15/p039 ·1920-06-15 · original (original)
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Wenn man solch ein Buch - es ist ja ziemlich dick - wie das von Oswald Spengler durchgeht, dann sieht man, wie er aus seiner naturwissenschaftlichen Denkungsweise heraus die einzelnen Kulturen betrachtet. Er sagt: Kulturen - sie entwickeln sich immer; sie hatten ein Kindheitsalter, ein Jugendalter, ein Reifealter, ein Sterbealter. So war es bei den orientalischen Kulturen. Sie sind entstanden, gewachsen, reif geworden, gestorben. So war es auch bei der griechischen Kultur. Und so ist es auch mit unserer Kultur; und unsere Kultur ist Jetzt in der Zeit des Sterbens. Denn, sagt er, wir sind genötigt, die Kulturen so anzuschauen, wie wir einen Eichbaum oder eine Pinie anschauen. Ein Eichbaum entsteht, wächst, wird reif, stirbt ab. Die Kulturen, die schauen wir ebenso an. - Ja, wir schauen sie dann ebenso an, wenn wir ganz und gar durchimpft sind mit bloßer naturwissenschaftlicher Denkweise. Lernen wir dazu die Geistesschau kennen, lernen wir sie in der richtigen Weise pflegen, dann wissen wir auch die Kulturen anders zu betrachten.

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