7. Fragen der Seele und Fragen des Lebens Eine Gegenwartsrede

GA 335/1920-06-15/p043 ·1920-06-15 · original (original)
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Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich denke, daß in dem Zeitalter, in dem man glaubt, es so herrlich weit in der Praxis gebracht zu haben, sich Leute der Technik statt der Lyrik, der Marine statt der Malerei, der Politik statt der Erkenntniskritik schon zugewendet haben, bevor Spengler sein Buch geschrieben hat — das alles war wahrhaftig schon da; Politiker gab es ja wahrhaftig bisher nicht zu wenige. Jetzt Dekadenzprophetien zu machen über den Untergang der abendländischen Kultur, jetzt gestehen zu müssen, daß man die Leute auffordern will, sich abzuwenden von der Geistigkeit, sich einer Praxis zuzuwenden, für die man keine Ideen hat, ja, prinzipiell keine Ideen haben will, jetzt den Ideen des Abendlandes den Untergang zu prophezeien, weil man sie im Sterbealter glaubt - das ist aus dem Herzen der Niedergangszeit heraus gesprochen. Und ich darf vielleicht, ohne ins Unbescheidene zu verfallen - denn ich möchte ja nur ein Wollen, einen Versuch, einen Anfang charakterisieren - ich darf vielleicht aufmerksam darauf machen, daß dasjenige, was hier als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft vorgebracht worden ist und was jetzt aus dieser Geistigkeit heraus praktische Gestalt gerade hier von seiner Zentrale, von Stuttgart aus, annehmen will, auf dem entgegengesetzten Standpunkte steht. Wir sagen den Leuten nicht: Wendet euch ab von aller Geistigkeit, denn das ist im Niedergang, und wendet euch dem kommenden Tag zu. - Wir sagen den Leuten: Neue Geistigkeit muß geschöpft werden; wir brauchen ein Hineinsteigen in neue Quellen des geistigen Lebens. Wir brauchen das Eintreten in die Seelenwege einer Geistesschau, damit wir finden können gerade dasjenige praktische Leben, das getragen wird von wirklichkeitsgemäßen Ideen. Ohne Ideen haben wir uns in den Niedergang hineingeritten; mit Ideen, die aber jetzt nicht die traditionellen, die alten sein können, sondern die neu geschöpft sein müssen, mit diesen neuen Ideen allein werden wir in den Aufgang hineinkommen können. Allerdings, es scheint, als ob es so rasch nicht gehen könnte, denn dasjenige, was man anschauen kann im großen, es zeigt sich auch im kleinen. Aber davon will ich auch nur symptomatisch sprechen.

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Cite: GA 335/1920-06-15/p043 · edition original