7. Fragen der Seele und Fragen des Lebens Eine Gegenwartsrede
In unserer Zeit aber darf vielleicht von dem Geisteswissenschafter, dem Vertreter des Dreigliederungsgedankens, als eine besondere, tiefste Herzensangelegenheit aus der Geisteswissenschaft heraus gesagt werden: Jawohl, wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion. — Aber heute kann Religion zu einem Aufstieg nur führen, wenn sie aus einer lebendigen Wissenschaft selbst lebendig schöpft, nicht aus einer Wissenschaft des Toten heraus; sie kann nur zum Aufstieg führen, wenn sie aus einem künstlerischen Wollen entspringt, das verbunden ist mit einer solchen Geist-Erkenntnis, daß man sagen kann: Wer heute besitzt eine Wissenschaft, die in Geistesschau wurzelt, wer heute versucht, wenn auch in einem noch so schwachen Anfang, eine Kunst, die mit dieser Geistesschau in ihrem intensivsten Wollen ganz verbunden ist, dem sollte man nicht vorwerfen, daß er dem religiösen Element auf dem Wege des Lebens in der Gegenwart widerstrebt. Denn wer nach dem Geiste sucht, wer den Geist künstlerisch zu verkörpern sucht, der hat gewiß auch den Willen, dasjenige in das soziale Leben hinüberzuführen, das, mit Menschenwert und Menschenwürde verbunden, in der sozialen Gemeinschaft wahrhaftig die Aufschau zu der göttlichen Weltenlenkung, zu den göttlichen Urkräften des Lebens übt - wahrhaftige Aufschau, die nicht bloß spekuliert auf den Egoismus der Menschen, sondern auf den Zusammenhang der Menschen mit den großen ewigen Gesetzen des Daseins. Zum Aufstieg führen kann nur eine Religion, die nicht auf den Egoismus spekulieren will, sondern auf die tiefste Harmonie des einzelnen Menschen mit der ganzen Welt hinweist.
Cite:
GA 335/1920-06-15/p051 · edition original