Die Übersinnliche Wesenheit des Menschen und die Entwicklung der Menschheit

GA 336/1919-07-26/p043 ·1919-07-26 · original (original)
Record: mixed sources. This volume draws on more than one kind of record (transcripts, notes, documents). Check the volume's own front matter before weighing a single passage. Evidence: «aufgezeigt anhand von bislang unveröffentlichten Vorträgen, Notizen und Dokumenten» (shown by means of previously unpublished lectures, notes and documents). Rudolf Steiner Verlag Gesamtverzeichnis 2022, volume subtitle. The translation is the maintainer's, not a published one.

Dann wird diese neue Christuserkenntnis Platz greifen können in den Seelen über die ganze zivilisierte Erde hin. Dann wird überwinden diese neue Christusidee dasjenige, was heute anhaftet den Christusauffassungen aus konventionellen Beengtheiten heraus, selbst aus Religionsbekenntnissen-Beengtheit heraus. Die Menschen, wie sie auch sonst nach Rassen und Völkern stehen mögen, sie werden, wenn selbstbewusst der Weg zum Mysterium von Golgatha gefunden wird, sie werden diesen Weg finden über die ganze zivilisierte Erde hin. Dann wird, von diesem Impuls ausgehend, etwas kommen, was heute gesucht wird, aber gesucht wird von einem utilistischen Standpunkt aus. Wir hören heute von Leuten, die eben am Äußerlichen haften, von dem Streben nach einem Völkerbund. Und einer derjenigen Menschen, die nun leider auch zu einer gewissen Zeit in Deutschland recht sehr überschätzt wurden, einer derjenigen, die die Menschen in solche Abstraktionen leiten, einer derjenigen Menschen ist Woodrow Wilson. Redet man so wie er über die Begründung eines Völkerbundes, dann redet man über etwas, zu dem man nicht erst aus der Wirklichkeit heraus die Bedingungen schafft. Wer heute davon redet, dass sich aus den Aspirationen der einzelnen Völker ein Völkerbund ergeben soll, der redet so, dass man sieht, er hat nie begriffen das große Gleichnis des Turmbaus zu Babel. Denn was will er denn eigentlich? Er will den Turmbau zu Babel fortsetzen. Die Völker so [lassen], wie sie sind; durch dasjenige, wodurch sie zu Völkern aus dem Einheitlichen heraus geworden sind, will er gerade den Völkerbund begründen. Als eine Illusion, als eine Abstraktion wird sich das ergeben. Aber umgekehrt ist es. Durch ein neues geistiges Leben muss begründet werden dasjenige, was gemeinsam werden kann in allen Menschenseelen: die Erkenntnis des geistigen Mittelpunktes der Menschheitsentwicklung; die Erkenntnis der übersinnlichen Natur des Mysteriums von Golgatha in seiner Bedeutung für die ganze Menschheit, ohne Unterschied von Religion und Rasse und Volkstum. Aus dieser Empfindung heraus, aus diesem Hinschauen zu dem Christusereignis, dem einmaligen Christusereignis, wird die reale Kraft zu dem neuen Völkerbund entstehen. Und nicht eher werden die Menschen über die Erde hin, über die zivilisierte Welt hin ihre Harmonie finden, ehe sie nicht aus einer neuen Eroberung des Geistes heraus den Weg gefunden haben zu einem neuen Christentum, das die Menschen über die Erde hin einigen kann. So sehen wir: Das liefert diejenige Erkenntnis, von der ich Ihnen schildern durfte, dass sie über Geburt und Tod hinaus zum ewigen, übersinnlichen Menschenwesen führt. Wir sehen, dass diese Erkenntnis zu gleicher Zeit zu einer solchen Durchdringung der menschlichen Entwicklung führt, die gehören muss zu den allerwichtigsten Aufgaben der gegenwärtigen Zeit. Und erfasst man die menschliche Natur in einer solchen Tiefe, dass man bei diesem Erfassen nicht auf jene äußere Menschenwesenheit bloß stößt, auf die die heutige äußere wissenschaftliche Erkenntnis stößt, fasst man die Menschenwesenheit so, dass man aus der intellektuellen Bescheidenheit heraus die Kraft findet, sich weiterzuentwickeln, wie man sich von der Kindheit bis hierher entwickelt hat, wo man im gewöhnlichen Leben angekommen ist, dann findet man auch die die Menschen einigenden Worte.

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Cite: GA 336/1919-07-26/p043 · edition original