Vierter Vortrag

GA 339/1921-10-14/p023 ·1921-10-14 · original (original)
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Ich wurde einmal von einer Anzahl Berliner Damen, die in einem Institute von mir Vorträge angehört hatten, dann eingeladen, einen Vortrag zu halten bei einer der Damen in ihrem Privatappartement, und die ganze Veranstaltung war eigentlich dazu da, daß die Damen entgegenarbeiten wollten einer gewissen dazumal recht gutmütigen Stimmung bei ihren Männern. Nicht wahr, diese Damen kamen so etwa um zwölf Uhr in das Unterrichtsinstitut, wo ich die Vorträge hielt. Und die Männer, wenn wiederum solch ein Tag kam — ich glaube, es war einmal in der Woche -, sagten dann: Na ja, da geht Ihr halt in eure verrückte Anstalt heute wieder hin; da wird die Suppe wieder schlecht sein, oder es wird etwas anderes nicht in Ordnung sein! - Und da wollten denn diese Damen, daß ich einen Vortrag hielte über Goethes «Faust» — das wurde als Thema ausgesucht -, und dazu wurden auch die Männer eingeladen. Nun hielt ich eben einen Vortrag über Goethes «Faust» vor den Damen und Herren. Ja, die Herren waren nachher etwas verdutzt und sie sagten: «Ja, aber Goethes ‹Faust› ist halt eine Wissenschaft; Kunst ist ja Goethes ‹Faust› nicht. Kunst, das ist Blumenthal» — ich zitiere wörtlich -, «da braucht man sich nicht anzustrengen. Wenn man sich schon im wirtschaftlichen Beruf so anstrengt, will man sich doch im Leben nicht auch noch anstrengen!» Sehen Sie, was eingezogen ist als Ersatz des Enthusiasmus für die Freiheit im Geistesleben, das tritt uns im staatlichen Leben entgegen als bloßes leichtes Unterhaltungsbedürfnis.

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Cite: GA 339/1921-10-14/p023 · edition original