2. Einweihung und Mysterien
Daß Plato niemand in die höheren Stufen der Weisheit einführen wollte, welcher der Geometrie unkundig war, bedeutet nicht, daß er nur gelehrte Geometer zu seinen Schülern machte, sondern, daß diese sich an ernstes, strenges und genaues Forschen gewöhnt haben mußten, bevor ihnen die Geheimnisse des Geisteslebens erschlossen wurden. Eine solche Forderung erscheint in rechtem Lichte, wenn man bedenkt, daß in diesen höheren Gebieten die Kontrolle aufhört, die den gewöhnlichen Forscher auf Schritt und Tritt korrigiert. Wenn der Pflanzenforscher sich falsche Vorstellungen macht, so werden ihn bald seine Sinne über seinen Irrtum aufklären. Er verhält sich dem Mystiker gegenüber wie derjenige, der auf ebenem Wege geht, zum Bergsteiger. Der eine kann zu Boden fallen; er wird sich nur in Ausnahmefällen töten; dem andern steht diese Gefahr immer bevor. Und gewiß kann niemand Berge besteigen, der nicht gehen gelernt hat. — Weil geistige Tatsachen nicht in derselben Art die Vorstellungen korrigieren wie äußere Tatsachen, ist strengstes, zuverlässiges Denken eine ganz selbstverständliche Voraussetzung für den mystischen Forscher.
Cite:
GA 34/02_initiation_and_mysteries/p004 · edition original