2. Einweihung und Mysterien
Unzählige, die glauben auf der Bildungshöhe unserer Zeit zu stehen, halten gesundes Denken und Mystik für unversöhnliche Gegensätze. Sie meinen, eine klare wissenschaftliche Erziehung müsse in dem Menschen alle mystischen Neigungen austilgen. Und besonders unbegreiflich finden sie es, wenn jemand solche Neigungen hat, dem die wichtigsten Ergebnisse der neueren Naturwissenschaft bekannt sind. Wenn die recht hätten, die also denken, dann müßte man wohl zugeben, daß Mystik in der Gegenwart wenig Aussicht habe, den Zugang zu den Seelen unserer Zeitgenossen zu finden. Denn niemand, der Verständnis für die geistigen Bedürfnisse dieser Gegenwart hat, kann zweifeln, daß die Siege vollberechtigt sind, welche die Naturwissenschaft errungen hat, und noch erringen wird. Es muß ohne Einschränkung zugegeben werden, daß heute sich niemand ungestraft an dem Geiste echter naturwissenschaftlicher Denkungsart versündigendarf.-Unddennoch: wer Augen hat, zu sehen, muß ebenso zugeben, daß die Zahl derer immer größer wird, die sich unbefriedigt fühlen bei dem, was naturwissenschaftliche Denker über die unabweislichen Fragen der menschlichen Seele vorzubringen haben. Fast schüchtern versenken solch Unbefriedigte sich in die Werke der Mystiker. Da finden sie, wonach ihre Seelen dürsten. Da strömt ihnen entgegen, wessen ihr Herz bedarf: wirkliche geistige Lebensluft. Sie fühlen dabei das Wachstum ihrer Seele; sie finden, wonach der Mensch unaufhörlich doch suchen muß: den Hauch eines Göttlichen. -— Aber unaufhötrlich schärft man ihnen immer wieder und wieder ein: sie müßten durch die Naturwissenschaft klares, ruhiges Denken lernen, und sich nicht durch Phantasten und Schwärmer bestricken lassen. — Kommen sie dann etwa einer solchen Aufforderung nach, so erfahren sie nur, daß ihre Seele verödet.
Cite:
GA 34/02_initiation_and_mysteries/p006 · edition original