2. Einweihung und Mysterien

GA 34/02_initiation_and_mysteries/p023 · original (original)

Im Einklang mit allen, die für solche Blicke ihr geistiges Auge zu öffnen suchten, spricht Annie Besant, die Seele der theosophischen Bewegung, von einer «verborgenen Seite der Religionen» in ihrem Buche «Esoterisches Christentum, oder die kleineren Mysterien ». Lichtvoll leitet sie in die Auseinandersetzung über die mystischen Geheimnisse des Christentums — über dessen sogenannten esoterischen Gehalt- durch die Frage hinein: «Was ist der Zweck der Religionen?» Und sie sagt darüber: «Sie werden der Welt gegeben von Menschen, die weiser sind als die Massen des Volkes, dem sie zuteil werden, und sie haben den Zweck, die menschliche Entwickelung zu beschleunigen. Um dies in wirksamer Weise zu tun, müssen sie die Individuen erreichen und sie beeinflussen. Nun stehen nicht alle Menschen auf derselben Entwickelungsstufe, sondern man könnte die Entwickelung darstellen als eine schräge Fläche, auf deren sämtlichen Punkten Menschen stehen. Die höchst Entwickelten stehen sowohl an Intelligenz wie an Charakter weit über den wenigst Entwickelten; die Fähigkeit zu verstehen sowohl wie die, zu handeln, ändert sich auf jeder Stufe. Deshalb ist es nutzlos, allen dieselbe Lehre zu geben; das was dem intellektuellen Menschen hilft, würde dem weniger intelligenten ganz und gar unverständlich sein, während das, was den Heiligen in Verzückung versetzt, den Verbrecher ganz unberührt lassen würde. ... Die Religion muß ebenso abgestuft sein wie die Entwickelung, sonst verfehlt sie ihren Zweck.» — Wie also der Lehrer der Religion zu den Menschen verschiedener Entwickelungsstufen spricht, das macht er von den Geistes- und Herzensbedürfnissen derer abhängig, zu denen er sprechen soll. Um das zu können, muß er den Kern der Weisheit, durch die er wirken soll, selbst in seiner Seele tragen; und die Art, wie er diesen Kern trägt, muß eine solche sein, daß sie ihn befähigt, zu jeglichem Menschen in dessen Auffassungsweise zu sprechen. Wer die Reden der Religionslehrer nach ihrer Außenseite betrachtet, erkennt deshalb nur die eine, eben _ die äußere Seite ihrer Weisheit. Eindringlich weist auf diese Tatsache hin Édouard Schuré in seinem Buche über die «Großen Eingeweihten». Er gibt darin eine Darstellung der großen Weisheitslehrer: Rama, Krishna, Hermes, Moses, Orpheus, Pythagoras, Plato und Jesus in der Weise eines intuitiven Forschers, eines edlen Gedankenkünstlers und einer von tiefem religiösen Empfinden getragenen Persönlichkeit. Seinen Gesichtspunkt umschreibt er in der Einleitung: «Alle großen Religionen haben eine äußere und eine innere Geschichte; die eine offenbar, die andere verborgen. Durch die äußere Geschichte erschließen sich mir die Dogmen und Mythen, wie sie öffentlich in Tempeln und Schulen verkündet werden, wie sie in den Kulten und in dem volkstümlichen Aberglauben zur Darstellung kommen. Durch die innere Geschichte erschließen sich mir die tiefe Wissenschaft, die geheimnisvolle Weisheit und die verborgenen Gesetze der Taten der großen Eingeweihten, Propheten und Reformatoren, welche diese Religionen geschaffen, gestützt und verbreitet haben. Die erste, die äußere Geschichte kann man überall kennen lernen; sie ist nicht wenig dunkel, widerspruchsvoll und verworren. Die zweite, die ich die esoterische Geschichte, oder die Weisheit der Mysterien nennen möchte, ist sehr schwer aus der ersten herauszuentwickeln. Denn sie ruht in den Tiefen der Tempel, in den geheimen Gesellschaften, und ihre erschütterndsten Dramen entrollen sich ausschließlich in den Seelen der großen Propheten, die weder Urkunden noch Schülern ihre erhabensten Erlebnisse und ihre sie zum Göttlichen hebenden Vorstellungen vertraut haben. Man muß ihre Rätsel lösen. Aber, was man dann findet, erscheint lichtvoll, organisch, in Harmonie mit sich selbst. Man könnte es auch die ewige und universelle Religion nennen. Es stellt sich als das Innere der Dinge dar, als die Innenseite des Menschheitsbewußtseins im Gegensatz zur bloß geschichtlichen Außenseite. Da ergreifen wir den schöpferischen Keimpunkt von Religion und Philosophie, die am anderen Ende der Ellipse in der ungeteilten Wissenschaft zusammentreffen. Es ist der Punkt, der den übersinnlichen Wahrheiten entspricht. Da finden wir die Ursache, den Ursprung und das Ziel der wunderbaren Arbeit der Jahrhunderte, die Weltenlenkung in ihren irdischen Sendboten.»

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