2. Einweihung und Mysterien

GA 34/02_initiation_and_mysteries/p025 · original (original)

Man begreift Annie Besants Schilderung der Mysterien, wenn man bedenkt, daß die Eingeweihten so von ihnen sprechen mußten, wie dies Klemens in obigen Worten tut. «Die Mysterien Ägyptens» — so führt A.Besant auf Seite ı5 des «Esoterischen Christentums» aus — «waren der Ruhm jenes alten Landes, und die edelsten Söhne Griechenlands, wie zum Beispiel Plato, gingen nach Sais und Theben, um von den ägyptischen Weisheitslehrern in die Mysterien eingeweiht zu werden. Die mithräischen Mysterien der Perser, die orphischen und die bakchischen Mysterien und die späteren eleusinischen Halb-Mysterien der Griechen, die Mysterien von Samothrake, Skythien, Chaldäa, sind, wenigstens dem Namen nach, allgemein bekannt. Sogar in der äußerst abgeschwächten Form der eleusinischen Mysterien wird ihr Wert von den vornehmsten Männern Griechenlands sehr gepriesen, so von Pindar, Sophokles, Isokrates, Plutarch und Plato.» — Nicht auf die Erweiterung des Wissens, auf die bloße Erklärung unbekannter Dinge kommt es bei der Mysterienweisheit an: sondern um die Erhöhung des ganzen menschlichen Wesens, so daß es sich erfüllt mit der Weihestimmung, die zu ergreifen imstande ist die Quellen und Keime des Kosmos. Der Myste erkennt nicht nur höhere Dinge; sondern sein eigenes Wesen verschmilzt mit diesen höheren Dingen. Er muß vorbereitet sein, damit er den Quellen alles Lebens, die in ihn einströmen, den rechten Empfang bereiten kann. — Gerade in unserer Zeit, in der man als Erkenntnis nur das Grob-Wissenschaftliche anerkennen will, wird es schwer zu glauben, daß es in den höchsten Dingen auf eine Stimmung ankomme. Die Erkenntnis wird dadurch zu einer intimen Angelegenheit der menschlichen Seele gemacht. Für den Mysten ist sie eine solche. Man sage jemand die Lösung aller Welträtsel. Der Myste wird finden, daß sie als leerer Schall an dem Ohre vorbeitönt, wenn die Seele nicht durch Vorbedingungen auf eine höhere Stufe gehoben ist; daß sie das Gefühl unberührt läßt, wenn dieses nicht gestimmt ist, den Empfang der Weisheit als Weihe zu empfinden. Nur wer das durchschaut, kennt die geistige Atmosphäre, aus der Worte eines Mystikers, wie die Plotins, gesprochen sind: «Oftmals, wenn ich aus dem Schlummer der Körperlichkeit erwache, zu mir komme, von der Außenwelt abgewendet in mich einkehre, so schaue ich eine wundersame Schönheit; dann bin ich gewiß, meines besseren Teils inne geworden zu sein. Ich betätige das wahre Leben, bin mit dem Göttlichen geeint, und in ihm gegründet gewinne ich die Kraft, mich noch über die Überwelt hinaus zu versetzen. Wenn ich dann nach diesem Ruhen in dem Geistigen der Welt, aus dem Schauen des Höchsten wieder zur gewöhnlichen Gedankenbildung herabsteige, dann frage ich mich, wie es zuging, daß meine Seele sich mit dem Alltäglichen verstrickt habe, da doch dort ihre Heimat ist, wo ich eben verweilt habe.» — Wer weiß, welcher Grad von Reinigung des Gefühls- und Verstandeslebens nötig ist, um so zu empfinden, der kennt auch die Gründe, warum das mystische, das Weihe-Wissen kein Gegenstand des Alltagslebens, auch keiner der gewöhnlichen Unterweisung und der Urkunden der äußeren Geschichte sein kann; warum es in der Seele der göttlichen Sendboten verschlossen ist und nur — wie Schuré sagt - der Gegenstand der Einweihung in intimen Brüderschaften sein muß. - Bleibt aber auch dies unmittelbare Ergreifen der Wahrheit eine Sache intimster Unterweisung: die Segnungen der Weisheit werden allen Menschen zuteil. Gleich wie die Früchte des elektrischen Eisenbahnbetriebes der ganzen Bevölkerung zugute kommen, die Gesetze der Einrichtung dieses Betriebes aber nur den Elektrikern bekannt sind, so ist es auch mit der Wirkung, den Früchten und mit der Weisheit der Mysterien. Und wie das Segenvolle der technischen Kenntnisse in äußeren Kultureinrichtungen, so stellt sich das der Mystenweisheit in den geistigen Lebensinhalten der Menschheit dar: in ihren Mythen, Glaubens- und Religionsvorstellungen, in ihrer Sagen- und Märchenwelt, aber auch in ihren Moral- und Rechtsvorstellungen, und zuletzt auch in ihrem künstlerischen Schaffen, in ihren Wissenschaften und Philosophien. — Der Myste weist auf die Wurzel dieser Lebensinhalte in dem tiefsten Wissen der Menschheit, und er ist sich klar darüber, daß sie alle dort erst ihre wahre Erklärung finden können. Klemens von Alexandrien spricht davon, daß «ein Mensch Glauben haben kann, ohne Gelehrsamkeit zu besitzen », aber zugleich betont er, daß «unmöglich ein Mensch ohne Wissen die Dinge verstehen könne, die in dem Glauben erklärt werden» (vergleiche Annie Besant: «Esoterisches Christentum», Seite 59). Jeder Mystiker kennt dieses wahre Verhältnis zwischen Glauben und Wissen und weiß, daß ein Widerspruch zwischen beiden unmöglich ist. Er kann aber auch Mystik nur auf der Grundlage wahrer Wissenschaft gelten lassen. Auch davon spricht Klemens: «Manche, die sich von der Natur begabt glauben, wollen weder mit der Philosophie noch mit der Logik in Berührung kommen; ja sogar wollen sie nicht einmal Naturwissenschaft studieren. Sie verlangen bloß Glauben ... So nenne ich denn den wirklich gelehrt, der alles in Beziehung zu der Wahrheit bringt, so daß er selbst aus der Geometrie, der Musik, der Grammatik und der Philosophie alles herausliest, was nützlich darin ist ... Wie nötig ist es für den, der des Weltgeistes Macht teilhaftig werden will, intellektuelle Dinge auf philosophische Art zu behandeln ... Der Mystiker bedient sich der Zweige des Wissens zu vorbereitenden Hilfsstudien.» (Annie Besant: «Esoterisches Christentum », Seite 59f.)— Wer in diesen tiefen Einklang des Glaubens mit dem Wissen einen Blick getan hat, der muß immer wieder auf eine charakteristische Eigenschaft unserer neueren Kultur hinweisen, die eine Kluft zwischen beiden errichtet hat. Schur& deutet gleich in den ersten Sätzen seines Buches auf diese Kluft. «Das größte Übel unserer Zeit ist, daß in ihr Wissenschaft und Religion wie zwei feindliche und unvereinbare Mächte erscheinen. Es ist ein um so gefährlicheres Übel, als es von den Höhen der Bildung kommt und langsam, aber sicher in alle Geister einsickert, wie ein Gift, das man mit der Luft einatmet. Und jedes intellektuelle Übel wird mit der Länge der Zeit ein Übel der Seele und weiterhin ein soziales. Solange das Christentum imstande war, in naiver Weise den christlichen Glauben, inmitten des noch halbbarbarischen, mittelalterlichen Europa auszubilden, war es die größte moralische Macht: es hat die moderne Seele gestaltet. - Solange die Experimentalwissenschaft, öffentlich wiederhergestellt im sechzehnten Jahrhundert, für sich die Rechte der Vernunft und der unbeschränkten Freiheit in Anspruch nahm, war sie die größte intellektuelle Macht; sie hat das Antlitz der Welt erneuert, den Menschen aus Jahrhunderte alten Fesseln befreit und seinem Geiste die unzerstörbare Grundlage gegeben. — Aber seit die Kirche unfähig geworden ist, ihre ursprünglichen Dogmen gegenüber den Ansprüchen der Wissenschaft zu verteidigen, hat sie sich eingeschlossen wie in ein Haus ohne Fenster, sie setzte der Vernunft ihren Glauben wie ein absolutes und nicht diskutierbares Gesetz entgegen; und seit die Wissenschaft berauscht ist von ihren Erfolgen in der physischen Welt, wurde ihr die psychische und intellektuelle immer fremder; sie verschloß sich durch ihre Methoden dem Höheren und wurde in ihren Grundsätzen materialistisch. Seitdem bewegt sich aber auch die Philosophie richtungslos zwischen beiden hin und her: sie hat auf ihre ureigenen Rechte verzichtet, um gegenüber den übersinnlichen Dingen in Zweifelsucht zu verfallen, und Klüfte haben sich geöffnet sowohl in der Seele der menschlichen Gesellschaft wie in derjenigen des Individuums.» (Schuré, «Les Grands Initiés», Seite VIIf.)

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