{"corpus":"steiner","locus":"GA 34/02_initiation_and_mysteries/p028","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Durch den Sinn des Auges vernimmt der Mensch die Natur in hundertfältigen Licht- und Farbenschattierungen. Es sind die Strahlen des Sonnenlichtes, die, von den Dingen zurückgeworfen, deren Lichtschattierungen bewirken. Ist auf diese Art die Wahrnehmung des Sonnenlichtes eine tägliche Gewohnheit des Auges, so vermag das Auge doch nicht ungestraft in den Quell des Lichtes, in die Sonne selbst zu schauen; es wird durch die unmittelbaren Sonnenstrahlen geblendet. Was in seinen *Wirkungen* dem alltäglichen Beruf des Auges entspricht: das wird der Anlaß eines Schmerzes, wenn es als *Ursache* selbst den Sinn des Sehens trifft. - Wer dieses Bild in der *richtigen* Art auf das Geistesleben des Menschen anzuwenden weiß, der versteht, warum diejenigen, die da «wissen», von *Gefahren* der Einweihung in die Mysterien sprechen. Diese Gefahren sind durchaus vorhanden; nur dürfen die Worte dessen, der von ihnen spricht, nicht buchstäblich in dem Sinne verstanden werden, wie man im gewöhnlichen Leben von Gefahren spricht. -— Des Menschen Verstand und Vernunft sind ebensowenig daran gewöhnt, die *Quellen* der Wahrheit in dem Weltganzen zu schauen, wie das Auge unmittelbar in die Sonne zu sehen vermag. So wie dieses die Wirkungen des Lichtes als das ihm Entsprechende empfindet, so Verstand und Vernunft die Wirkung der ewigen Weisheit in den Erscheinungen der Natur und in dem Verlauf der Menschengeschichte. Und wie das Auge ohnmächtig wird dem Lichtquell gegenüber, so wird menschliches Verständnis den Urgquellen der Weisheit gegenüber. Dieses Verständnis versagt zunächst. Man muß nur dasjenige, was mit dem Menschen da geschieht, in der rechten Art mit der Tatsache vergleichen, daß das Auge von der Sonne geblendet wird. Weil der Mensch daran gewöhnt ist, in Natur und Geistesleben nur den Abglanz der Wahrheit, nicht diese selbst zu schauen, steht er dieser ohnmächtig gegenüber, wenn sie ihm entgegentritt. Gewöhnt, nur die derbe Wirklichkeit zu fassen, die ihn alltäglich umgibt, empfindet er die Offenbarungen höherer Weisheit als Illusion, als Gebilde unwirklicher Phantastik. Sie können ihm nichts sagen. Sie sind ihm Luftgebilde, verschwimmend, wenn er sie ergreifen will. Denn er will sie *so* ergreifen, wie er gewohnt ist, die Dinge der gewöhnlichen Wirklichkeit zu ergreifen. Diese Wirklichkeit zieht ihn mit tausend Banden an sich. Was *sie* ihm versprechen kann, das kennt er, das hat er tausendfältig schätzen gelernt. - Wer hier im rechten Lichte sieht, der versteht, was religiöse Legenden meinen, wenn sie von dem *Versucher* sprechen, der denen alle Herrlichkeiten *dieser Welt* verspricht, die den Pfad höherer Erleuchtung betreten wollen. Ist in ihnen nicht die Kraft erweckt, diesem Versucher zu widerstehen: dann verfallen sie ihm unbedingt. Und damit ist etwas *angedeutet* von dem, was mit den *Gefahren* der «Schwelle» gemeint ist, die überschritten werden muß, wenn der «Pfad» der Weisheit betreten werden soll. — Keiner kann auf diesen Pfad gelangen, der sein geistiges Auge, seinen Verstand und seine Vernunft, nur so gebrauchen will, wie sie im Alltagsleben gebraucht werden. Als ein Verwandelter, als einer, dessen Geist-Auge stark gemacht ist, muß der Mensch die Schwelle betreten. - Und es ist in unserem gegenwärtigen Zeitalter schwer, das Auge also zu stärken. Denn dieses Auge ist gerade durch unsere Wissenschaft nur auf das Handgreifliche eingestellt. Um ihre Eroberungen auf dem Gebiete der äußeren Naturkräfte zu machen, *mußte* diese Wissenschaft das Auge abstumpfen für die geistigen Gewalten des Daseins. Man mißverstehe dies nicht dadurch, daß man es als einen *Vorwurf* deutet. Wer den Mechanismus einer Uhr verstehen will, braucht gewiß nicht die Gedanken des Erfinders der Uhr zu erforschen: er kann sich an dasjenige halten, was er in der Physik gelernt hat. Er kann die Uhr aus ihrem Mechanismus selbst verstehen. Aber niemand kann verstehen, wie die Kräfte und Dinge, die in der Uhr zusammenwirken, ursprünglich gefügt sind, der nicht den Geist sucht, der sie gefügt hat, und die Gründe erforscht, warum sie gefügt sind. Der Naturforscher vermag die Natur nur richtig zu verstehen, wenn er zunächst die Kräfte ihres Wirkens in ihr selbst sucht. Behauptet er, daß sie sich selbst zusammengefügt haben, so gleicht er dem, der da meinen kann, die Uhr habe sich selbst verfertigt. Aberglaube ist nicht, hinter den Dingen den Geist zu *suchen*: sondern ihn blindlings in die Dinge selbst zu verlegen. Der Abergläubische gleicht nicht dem, der zur Uhr den Erfinder sucht, sondern dem, der *in* der Uhr selbst einen Geist vermutet, der die Zeiger vorwärts bewegt. - Nur wenn man diejenigen so mißversteht, die nach dem Geist in dem Weltendasein suchen, kann man sie zusammenwerfen mit denen, die man mit Recht des Aberglaubens beschuldigt, und die man heute mit ebensolchem Rechte als Störenfriede betrachtet, weil sie die Segnungen gefährden, die unsere wissenschaftliche Kultur geschaffen. (Wer unbefangen sieht, wird wissen, wer nach *beiden* Richtungen hin gemeint ist.)","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"2. Einweihung und Mysterien","site_heading":null,"date":null,"location":null,"word_count":769,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/34/02_initiation_and_mysteries/p028","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/34/02_initiation_and_mysteries/p028"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/34/02_initiation_and_mysteries/p028","paragraph_aligned":true}]}