2. Einweihung und Mysterien
Es leuchtet ein, daß diejenigen, denen in den Mysterien die Einweihung oblag, aus dem Bewußtsein ihrer Verantwortung heraus, an die Jünger die höchsten Anforderungen stellten. Denn diese Anforderungen mußten zur Stählung der geistigen Kräfte in dem geschilderten Sinne wirken. Schuré schildert die Stufenfolge der Einweihung, wie sie in der Schule des Pythagoras (582-507 v.Chr.) gepflogen war. Von genialischem Künstlersinn und mystischer Tiefe ist diese Schilderung eingegeben. — Mit Anlehnung an diese Darstellung sei hier von diesen Stufen gesprochen. — Nur diejenigen wurden zur Einweihung zugelassen, die durch die Beschaffenheit ihres intellektuellen, moralischen und geistigen Wesens die Sicherheit des Erfolges boten. Für diese begann dann die Zeit der Vorbereitung. Sie wurden während mehrerer Jahre Hörer. In unserer Zeit, in der ein jeder sich zum kritischen, prüfenden Urteil berechtigt glaubt, wenn er einiges gelernt hat, oder auch - vielleicht noch mehr — wenn er nichts gelernt hat, ist es gar nicht leicht, einen sympathischen Begriff von dieser langen Hörerschaft zu geben. Diesem Hörer war absolutes Schweigen geboten. Das Schweigen war nicht äußerlich gemeint. Es war ein Schweigen des Urteils. Man mußte völlig unbefangen aufnehmen, ohne sich diese Unbefangenheit durch vorzeitige Prüfung zu verlegen. Der Weise wußte, und die Hörer hatten Vertrauen. Prüfen durften sie vorläufig nicht. Denn das Wissen, das sie empfingen, sollte sie ja erst reif zur Prüfung machen. Wie soll jemand wirklich lernen, der sogleich prüfen will, was er lernt. — Mit dieser Anschauung von schweigendem Lernen haben die Pythagoreer einem Grundsatz gehuldigt, der allein die Stufen der Erkenntnis hinaufführen kann. Wer den Erkenntnisweg gegangen ist, weiß das. Er hat nur Mitleid für diejenigen, die sich durch vorzeitiges Urteilen und Kritisieren den Erkenntnisweg verbauen. Unsere Zeit ist ganz erfüllt von diesem unreifen kritischen Geist. Man braucht sich nur in dem umzuschauen, was von unseren Rednern geredet, was von unseren Schriftstellern geschrieben wird. Wäre nur ein wenig pythagoreischer Geist in unserer Zeit zu finden, so bliebe wohl viel mehr als neun Zehntel von dem ungesprochen, was gesprochen wird, undebensovielvon demungedruckt, was gedruckt wird. Wer heute ein paar Beobachtungen gemacht, ein paar Begriffe sich gebildet hat, der glaubt sich über die wesentlichsten Dinge zu einem Urteil berechtigt. Aber solches Recht hat nur der, welcher verstanden hat, jahrelang sein Urteil zurückzuhalten, und unbefangen hinzuhören auf das, was die Weisen der Menschheit gesagt haben. Prüfet alles, und das beste behaltet, ist ein trüglicher Grundsatz in der Seele dessen, der nicht reif zur Prüfung ist. Unser Urteil ist so lange nichts, gar nichts vor der Wahrheit, so lange wir es nicht haben von der Wahrheit selbst prüfen lassen. Statt zu sagen: ich prüfe alles, und will das beste behalten, sollten viele sagen: ich will mich von der Wahrheit prüfen lassen; und wenn ich gut genug bin für sie, dann mag sie mich behalten. Wer nicht Jahre hindurch sich geübt hat in der Anschmiegung, im Einleben, in der rückhaltiosen Hingabe an das Urteil der weisen Führer der Menschheit, dessen Urteil ist Schall und Rauch.
Cite:
GA 34/02_initiation_and_mysteries/p032 · edition original