{"corpus":"steiner","locus":"GA 34/02_initiation_and_mysteries/p041","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Der Theosoph weiß, daß im Christentum die Wahrheit ist. Und er weiß auch, daß Jesus, in dem der Christus verkörpert war, kein Führer der Toten ist, sondern ein Führer der Lebendigen. Er versteht das große Meisterwort: Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende. An den lebendigen Führer, nicht an den der geschichtlichen Berichte wendet sich zuerst, wer so wie Annie Besant das Christentum erklären will. Was das «lebendige Wort» noch heute dem Ohre verkündet, das lauschen will: das strahlt dann ein in die Evangelienberichte. Jawohl, er ist dageblieben bis heute, der Kündiger des Wortes, und er kann uns selbst sagen, wie wir den Buchstaben zu erfassen haben, der von seinen Taten und Reden berichtet. Esoterisch sollen die «frohen Botschaften » erfaßt werden, das heißt, erst muß in unserem Innern die lebendige Kraft erwacht sein, die ihnen den Stempel des «Heiligen» aufdrückt. Und weil der Verstand, die Urteilskraft die großen Mittel der gegenwärtigen Kultur sind, müssen sie befreit werden aus den Banden der bloß sinnlichen Erfassung, des rein handgreiflichen Verstehens der Wirklichkeit. Der Verstand der Gegenwartsmenschheit muß selbst eintauchen in das Meer, das ihn mit wahrer Frömmigkeit erfüllt. Denn es ist nicht richtig, daß der kluge Verstand nur die «Illusionen » zerstört, die der religiöse Sinn um die Dinge gewoben hat. Das vollbringt nur derjenige Verstand, der geblendet ist und festgebannt von den Erfolgen, die er in der Erkenntnis und Beherrschung der rein materiellen Naturkräfte erlangt hat. —- Die Menschen der Gegenwart, und *mit ihnen* unsere Physiker, Biologen, Kulturgeschichtschreiber glauben sich frei in ihrer rein auf das Tatsächliche gerichteten Verstandeswelt. In Wahrheit leben sie unter einer allbeherrschenden *Suggestion*. *Frei* bis zu einem gewissen Grade könntet ihr werden, ihr Physiker, Biologen und Kulturgeschichtforscher der Gegenwart, wenn ihr erkennen wolltet, daß eure Vorstellungen von Wirklichkeit, ja von Stoffen und Kräften der Welt, von Menschengeschichte und Kulturentwickelung nichts sind als *Massen-Suggestionen*. Einst wird die Binde von eueren Augen fallen, und dann werdet ihr erst erfahren, *inwiefern Wahrheit* und nicht Irrtum ist, was ihr über Elektrizität und Licht, über die Entwickelung der Tiere und des Menschen denkt. Denn, wohlgemerkt, auch die Theosophen sehen eure Behauptungen nicht als Irrtum, sondern als Wahrheit an. Denn auch eure Naturanschauung ist ihnen ein *religiöses* Bekenntnis, und wenn sie sagen: sie wollen den Wahrheitskern in *allen* Bekenntnissen suchen, so tun sie das nicht allein in bezug auf Buddha, Moses und Christus, sondern auch in bezug auf Lamarck, Darwin und Haeckel. - Und Schriften wie die genannten von Édouard Schuré und Annie Besant sind berufen, von eueren Augen die Binden zu nehmen; sie sollen euch euere Suggestionen durchschauen lehren. Insofern kommt es bei solchen Büchern gar nicht allein auf das an, was in ihnen wörtlich steht, sondern auf die verborgenen Kräfte, welche den Verfassern die Federn führten, und die sich in die Adern der Leser ergießen, so daß diese von einer neuen *Wahrheits-Gesinnung* durchrieselt werden. Leser, die von solchen Büchern die rechte Wirkung erfahren, werden verstandesgemäß in gewisser Beziehung eingeweiht. -— Wer hinter diesem Satze nicht die Behauptung eines Wunders wittert, und wer imstande ist, etwas anderes als eine Phrase in ihm zu sehen, der wird auch verstehen, wenn ihm diese Bücher nicht bloß mit dem Ansinnen zur gewöhnlichen Lektüre, sondern mit dem ganz anderen vorgelegt werden, daß sie durch Kräfte, mit denen sie geschrieben sind, in ihm schlummernde Kräfte *erwecken* sollen, wenn auch diese Kräfte zunächst nur die der Verstandesseele sein können. Aber für *unsere Zeit* gibt es keine echte Einweihung, die nicht durch den Verstand hindurchginge. -— Wer heute mit Umgehung des Verstandes zu den «höheren Geheimnissen» führen will, weiß nichts von den «Zeichen der Zeit»; und er kann nur neue Suggestionen an die Stelle der alten setzen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"2. Einweihung und Mysterien","site_heading":null,"date":null,"location":null,"word_count":611,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/34/02_initiation_and_mysteries/p041","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/34/02_initiation_and_mysteries/p041"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/34/02_initiation_and_mysteries/p041","paragraph_aligned":true}]}