17. Lebensfragen der theosophischen Bewegung

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Wem die obigen Auseinandersetzungen einleuchten, dem ergeben sich ganz bestimmte Empfindungen über die innerhalb der theosophischen Bewegung notwendige Arbeitsweise. Denn die Verbreitung übersinnlicher Erkenntnisse erfordert ein anderes Verhalten als diejenige der gewöhnlichen sinnlichen. Davon legt schon Zeugnis ab, wie ganz anders sich die Träger der übersinnlichen Wahrheiten in früheren Zeiträumen verhalten haben als die Besitzer irgendeines auf die Sinnenwelt bezüglichen Wissens in der Gegenwart. Die letzteren werden sich in der Regel möglichst beeilen, ihr Wissen so schnell als nur irgend möglich der Öffentlichkeit mitzuteilen. Und sie tun damit auf ihrem Felde das Rechte. Denn, was der einzelne erforscht, soll seine Früchte für die ganze Menschheit tragen. Die älteren 'Träger der übersinnlichen Erkenntnisse haben zunächst ihr Wissen vor der Öffentlichkeit geheim gehalten. Sie haben es nur an jene mitgeteilt, welche auf Grund gewisser Bedingungen bewiesen haben, daß sie «berufen» seien. Damit haben sie nicht gegen den Grundsatz gesündigt, daß das Wissen des einzelnen der Gesamtheit dienen müsse. Denn sie haben doch die Wege gefunden, auf denen dieses Wissen für die Menschheit die entsprechenden Früchte trägt. Über diese Wege zu sprechen, ist hier nicht der Ort. Aber sie waren vorhanden. Es ist nun im Vorangehenden (Seite 272) gesagt worden, daß der Besitzer des übersinnlichen Wissens durch die gegenwärtigen Zeitverhältnisse gezwungen ist, mit einem gewissen Teile dieses Wissens an die Öffentlichkeit zu treten. Es geschieht durch das Buch, durch den Vortrag, dutch die Zeitschrift, und auf all die Arten, wie zum Beispiel die theosophische Bewegung zu wirken sucht. — Dadurch aber ergeben sich gewisse Schwierigkeiten. Einerseits fühlen diejenigen, welche sich die Pflege des übersinnlichen Wissens zur Aufgabe setzen, die Verpflichtung, dafür zu sorgen, daß dieses Wissen denen möglichst zugänglich sei, die es suchen. Und anderseits fühlen sie doch gegenüber den wohlbegründeten alten Methoden die Verpflichtung einer gewissen Zurückhaltung. Sie müssen ja, wenn sie wirklich in den Geist der übersinnlichen Erkenntnis eingedrungen sind, sich vollkommen vertraut mit einem Grundsatz gemacht haben, der da etwa so lautet: «Die Tatsache, daß du irgendeine Wahrheit erkannt hast, oder daß du von ihr überzeugt bist, darf für dich kein Grund sein, diese Wahrheit anderen Menschen aufzudrängen. Du sollst sie nur jenen mitteilen, die im rechten Sinne und in völliger Freiheit sie von dir verlangen dürfen.» Wer diesen letzten Grundsatz befolgt, der kann auch nicht im geringsten etwas haben von einem Fanatiker, von einem Sektenbildner. Denn gerade das kennzeichnet den Fanatismus und die Sektenbildung, daß Personen, welche diesen verfallen, in dem Glauben leben: was sie für das Richtige halten, müsse für möglichst viele eine Überzeugung werden. Sie halten ihre Ansichten für die alleinseligmachenden. Dieser Glaube verleitet sie oft, alle nur erdenklichen Mittel anzuwenden, um möglichst viele Anhänger zu gewinnen. Der Träger des übersinnlichen Wissens möchte am liebsten so wenig als nur irgend möglich für die Gewinnung von Anhängern tun. Die Gefühle des Fanatikers, des Sektenstifters sind ihm ganz und gar fremd. Und je mehr er sich auch in der Gegenwart an diese seine Grundgesinnung halten kann, desto mehr wird er es tun. Doch verbieten ihm eben, wie gesagt, die Verhältnisse der Gegenwart, sich ganz an dieses Prinzip zu halten. Er muß an die Öffentlichkeit treten. Aber er hält seine Gesinnung doch insoweit aufrecht, daß er in keinem anderen Sinne an die Öffentlichkeit tritt, als in dem, daß er sagt: «Dies oder jenes habe ich mitzuteilen aus dem Bereich der übersinnlichen Welten; ich sage es, weil es vor der Welt gesagt werden muß. Wer diesen Dingen nähertreten will, der muß es ganz allein deshalb tun, weil er es selber will. Ich werbe nicht um Anhänger; aber ich komme jedem nach Möglichkeit entgegen, der etwas von den Erkenntnissen höherer Welten begehrt.» Es ist dann die Sache des Pflegers höherer Erkenntnisse, daß er den rechten Weg finde zwischen rückhaltlosem Eintreten für seine Sache und jener Zurückhaltung, die niemand mit einer «alleinseligmachenden Weisheit» beglücken will. Er wird seine Sache am besten machen, wenn er so wenig als möglich von dem «fanatischen Weltbeglücker » an sich hat, welcher in dem Übertragen seiner Überzeugungen an andere sein wesentliches Ziel sieht. Man kann sagen: der Fanatiker wirbt um Anhänger; der Träger übersinnlicher Erkenntnisse wartet ganz ruhig, bis sie von selbst kommen. Das erscheint in der Theorie zunächst ganz einfach; in der Praxis ist es gar nicht leicht. Es zeigt aber auch, wieviel auf gewisse Empfindungen Wert gelegt werden soll, die der Arbeiter auf theosophischem Felde haben muß; und wieviel anderseits darauf ankommt, daß er keusch jene Begeisterung zurückdränge, die sich dem gegenwärtigen Menschen auf so natürliche Art ergibt: das der Welt mitzuteilen, was er selbst als seine heilige Überzeugung im Herzen trägt. Bezüglich gewisser höherer Gebiete des übersinnlichen Wissens könnte zum Beispiel gegenwärtig eine solche - vielleicht edle Mitteilungssucht gar nichts Nützliches haben, denn es würde nur ganz wenige geben, welche diese Dinge nicht für Narrheit, für die bedauerlichen Erzeugnisse eines kranken Geistes hielten. Zur Mitteilung darf den Träger des Geheimwissens eben gar nichts anderes reizen, als daß der einzelne Mensch, oder die Menschen, die in Frage kommen, die entsprechenden Mitteilungen zum Heile ihrer Seele und ihres ganzen Menschen brauchen.

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