{"corpus":"steiner","locus":"GA 34/e01/p005","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Nun könnte ja hier auch eingewendet werden, daß jegliche Hinneigung zu den gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Vorstellungen die Geisteswissenschaft schon deshalb in eine schiefe Lage bringen könne, weil diese Vorstellungen selbst auf einem ganz unsicheren Boden ruhen. Es ist richtig: da gibt es Naturforscher, die gewisse Grundlinien des Darwinismus für unumstößliche Wahrheiten halten, und andere, die bereits von einer «Krisis des Darwinismus » sprechen. Die einen finden in der «Allmacht der Naturzüchtung», im «Kampf ums Dasein » umfassende Erklärungsgründe für die Entwickelung der Lebewesen; die andern verweisen diesen « Kampf ums Dasein» zu den Kinderkrankheiten der neueren Naturlehre und reden von der «Ohnmacht der Naturzüchtung ». —- Wenn es auf diese besonderen strittigen Punkte ankäme, dann könnte man als Anthroposoph wahrlich nichts Besseres tun, als sich um sie vorläufig nicht bekümmern, und für den Einklang mit der Naturwissenschaft einen Zeitpunkt abwarten, der besser als der gegenwärtige ist. Aber eben darauf kommt es gar nicht an. Es handelt sich vielmehr um eine gewisse Gesinnung, um eine Denkungsart innerhalb des naturwissenschaftlichen Forschens in unserer Zeit, um bestimmte große Richtungslinien, die überall eingehalten werden, wenn auch die Gedanken über besondere Fragen bei einzelnen Forschern und Denkern weit auseinandergehen. Wahr ist: Ernst Haeckels und Virchows Anschauungen über die «Abstammung des Menschen » gehen weit auseinander. Aber der anthroposophisch Gesinnte könnte froh sein, wenn die maßgebenden Persönlichkeiten über gewisse große Gesichtspunkte in bezug auf das Seelenleben so weit in klarer Weise dächten, wie diese *Gegner* über dasjenige, was ihnen bei allem Streit doch als absolut sicher gilt. Weder Haeckels noch Virchows Anhänger suchen heute den Ursprung der Würmer im leblosen Schlamm, weder die ersten, noch die letzteren zweifeln an dem Satze: «alles Lebendige stammt aus Lebendigem» in dem oben bezeichneten Sinne. — In der Seelenkunde haben wir es so weit noch nicht gebracht. Da fehlt jede Klarheit über einen Gesichtspunkt, der sich mit solchen naturwissenschaftlichen Grundüberzeugungen vergleichen ließe. Wer die Gestalt und Lebensweise eines Wurmes erklären will, weiß, daß er zum Wurm-Ei und zu den Vorfahren des Wurmes hinaufsteigen muß; er weiß, in welcher *Richtung* er forschen muß, wenn auch über alles Weitere verschiedene Ansichten herrschen, oder auch behauptet wird, die Zeit sei noch nicht reif, über diesen oder jenen Punkt bestimmte Gedanken zu erzeugen. -— Wo wäre in der Seelenkunde eine ähnliche Klarheit? Daß die Seele[^2] geistige Eigenschaften habe, wie der Wurm physische, veranlaßt nicht, wie es doch sollte, an die eine Tatsache mit derselben Forschergesinnung heranzutreten wie an die andere. Allerdings steht unsere Zeit unter dem Einfluß von *Denkgewohnheiten*, die bewirken, daß Unzählige aus den Reihen derer, die sich mit diesen Dingen beschäftigen, gar nicht einmal auf eine solche Forderung in entsprechender Art eingehen wollen. - Gewiß: es wird zur Not zugegeben, daß auch die seelischen Eigenschaften eines Menschen geradeso irgendwoher stammen müssen wie die physischen. Es werden Erwägungen darüber angestellt, wie es dehn komme, daß die Seelen einer Schar von Kindern so verschieden sind, die alle unter gleichen Umständen aufgewachsen und erzogen sind, daß sogar Zwillinge in wesentlichen Eigenarten von einander abweichen, die stets an demselben Orte, unter der Obhut einer Amme gewesen sind. Man führt wohl auch gelegentlich an, daß es von «den siamesischen Zwillingen heißt, ihre letzten Lebensjahre wären infolge ihrer entgegengesetzten Sympathien im nordamerikanischen Bürgerkriege recht unbehaglich gewesen.» Übrigens soll gar nicht behauptet werden, daß nicht sorgfältiges Nachdenken und Beobachten auf solche Erscheinungen gewendet worden, und nicht beachtenswerte Arbeiten darüber vorlägen. Aber es ist das Gewöhnliche, daß sich solche Arbeiten zum Seelischen so verhalten, wie sich eben der Naturforscher zum Lebendigen verhalten würde, wenn er einfach seine Herkunft aus dem leblosen Schlamme behaupten wollte. Es ist zweifellos berechtigt, wenn man zur Erklärung der niederen seelischen Eigenschaften zu den physischen Vorfahren hinaufsteigt, und ebenso von Vererbung spricht, wie man es für die körperlichen Merkmale tut. Aber man *will* die Augen vor dem Wesentlichsten verschließen, wenn man dieselbe Richtung für die höheren Seeleneigenschaften, für das eigentlich Geistige im Menschen nimmt. Man hat sich eben daran gewöhnt, diese höheren seelischen Eigenschaften nur als eine Steigerung, als einen höheren Grad der niederen zu betrachten. Und man meint deshalb, man könne sich mit einer Erklärung zufriedengeben, die in demselben Sinne gehalten ist wie diejenige der seelischen Eigenschaften der Tiere.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Reinkarnation Und Karma vom Standpunkte der Modernen Naturwissenschaft Notwendige Vorstellungen","site_heading":null,"date":null,"location":null,"word_count":693,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/34/e01/p005","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/34/e01/p005"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/34/e01/p005","paragraph_aligned":true}]}