Reinkarnation Und Karma vom Standpunkte der Modernen Naturwissenschaft Notwendige Vorstellungen

GA 34/e01/p006 · original (original)

Es soll nicht geleugnet werden, daß die Beobachtung gewisser seelischer Verrichtungen der höheren Tiere zu einer solchen Anschauung leicht verführt. Man braucht ja nur darauf hinzuweisen, daß Hunde merkwürdige Beweise eines treuen Gedächtnisses geben, daß Pferde, die den Mangel eines Hufeisens bei sich bemerken, selbst zur Schmiede gehen, in der sie gewöhnlich beschlagen werden; daß sogar Tiere, die in einem Zimmer eingeschlossen sind, sich selbst die Klinke öffnen, und was an dergleichen erstaunlichen Dingen mehr angeführt werden kann. Gewiß: auch der Anthroposoph wird nicht ermangeln, jede beliebige Steigerung der tierischen Fähigkeiten zuzugeben. Aber soll man deshalb allen Unterschied zwischen den niederen Seelenmerkmalen, die der Mensch mit den Tieren gemein hat, und den höheren geistigen Eigenschaften, die nur ihm eignen, verwischen? Nur der kann das, der durch ein dogmatisches Vorurteil der «Wissenschaft» ganz geblendet ist, welche am Grobsinnlichen haften bleiben will. Man nehme doch nur die durch einwandfreie Beobachtung festgestellte Tatsache, daß die Tiere, auch die höchststehenden, nicht zählen, und daher auch nicht rechnen lernen. Schon in alten Weisheitsschulen galt es als ein vielsagender Satz, daß sich der Mensch dadurch vom Tiere unterscheide, daß er zählen könne. — Das Zählen ist die einfachste, die trivialste der höheren Seelenfähigkeiten. Eben deshalb sei es hier angeführt als der Grenzpunkt, wo das Tierisch-Seelische in das Geistig-Seelische, in das höhere Menschliche übergeht. Es ist natürlich kinderleicht, auch hier Einwände zu machen. Erstens kann man sagen, daß ja noch nicht aller Tage Abend ist, und daß einmal gelingen könne, was bisher nicht gelungen ist: gewissen intelligenten Tieren das Zählen beizubringen. Und zweitens möchte man wohl darauf hinweisen, daß ja des Menschen Gehirn immerhin sich dem der Tiere gegenüber vervollkommnet habe; und daß es einfach daher komme, wenn es höhere Grade von Seelentätigkeiten hervorbringe. Man mag dem, der solche Einwände macht, nicht einmal, sondern hundertmal recht geben. Aber in derselben Lage ist man bei solchen, die gegenüber der Tatsache, daß alles Leben aus Lebendigem hervorgeht, immer wieder behaupten: aber im Wurm herrschen dieselben chemischen und physikalischen Gesetze wie im Schlamme, nur in komplizierterer Weise. Wer mit Trivialitäten und Selbstverständlichkeiten durchaus die Geheimnisse der Natur enthüllen will, dem wird eben schwer zu helfen sein. Es gibt Leute, die den Grad von Verstand, zu dem sie sich gerade emporgerungen haben, für den denkbar höchsten halten, und die deshalb gar nicht darauf verfallen, daß ein anderer sich vielleicht ihre trivialen Einwände selbst machen könnte, wenn er nicht deren Nichtigkeit einsähe. - Es ist gar nichts dagegen einzuwenden, daß alle höheren Verrichtungen in der Welt nur Steigerungen der niederen sind, daß die im Wurm herrschenden Gesetze Steigerungen derjenigen sind, die im Schlamme anzutreffen sind. Aber so wie heute kein Einsichtiger die Herkunft des Wurmes aus dem Schlamme behauptet, so kann kein klar Denkender das Geistig-Seelische in dieselbe Begriffsschablone bringen wollen wie das Tierisch-Seelische. Wie man zunächst in der Reihe des Lebendigen bleibt, um dieses Lebendige seiner Abstammung nach zu erklären, so muß man im Reich des Seelisch-Geistigen bleiben, um das Seelisch-Geistige seiner Herkunft nach zu verstehen.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/34/e01/p006.json
Cite: GA 34/e01/p006 · edition original