Reinkarnation Und Karma vom Standpunkte der Modernen Naturwissenschaft Notwendige Vorstellungen
Es gibt Tatsachen, die überall beobachtet werden können und an denen unzählige Menschen vorbeigehen, ohne sich besondere Gedanken dabei zu machen. Einmal kommt einer und macht an einer solch jedermann zugänglichen Tatsache die Entdeckung einer folgenschweren Wahrheit. An einer schwingenden Kirchenlampe soll Galilei das wichtige Gesetz der Pendelschwingung bemerkt haben. Vorher haben unzählige Menschen Kirchenlampen schwingen sehen, ohne daran diese tiefgreifende Bemerkung zu machen. Es kommt darauf an, daß man mit den Dingen, die man sieht, die rechten Gedanken verknüpft. Nun gibt es eine Tatsache, die ganz allgemein zugänglich ist, und die, richtig angesehen, ein helles Licht wirft auf den Charakter des Seelisch-Geistigen. Das ist die einfache Wahrheit, daß jeder Mensch eine Biographie hat, das Tier aber keine. Zwar werden wieder manche sagen: Kann man denn nicht auch die Lebensgeschichte einer Katze oder eines Hundes schreiben? Ihnen ist zu antworten: zweifellos, aber es gibt auch Schulaufgaben, in denen man von den Kindern verlangt: sie sollen die Schicksale einer Schreibfeder erzählen, Doch handelt es sich darum, daß für den einzelnen Menschen die Biographie dieselbe grundwesentliche Bedeutung hat, wie für das Tier die Beschreibung seiner Art. In demselben Sinne, in dem mich bei dem Löwen die Beschreibung der Löwenart interessiert, beschäftigt mich beim einzelnen Menschen die Biographie. Schiller, Goethe und Heine sind nicht in demselben Sinne für mich erschöpft, wenn ich ihre Menschenart beschreibe, wie der einzelne Löwe für mich erschöpft ist, wenn ich ihn als Exemplar seiner Gattung erkannt habe. Der einzelne Mensch ist mehr als ein Exemplar der Menschengattung. Er hat in demselben Sinne seine Gattungsmerkmale mit seinen physischen Vorfahren gemein wie das Tier. Aber wo das Gattungsmäßige aufhört, da beginnt für den Menschen das, was seine besondere Stellung, seine Aufgaben in der Welt bedingt. Und wo dieses anfängt, da hört alle Möglichkeit einer Erklärung nach der Schablone der tierisch-physischen Vererbung auf. Ich kann Schillers Nase und Haare, vielleicht auch gewisse Temperamentseigenschaften auf Entsprechendes bei seinen Vorfahren zurückführen, aber nicht sein Genie. Und das gilt natürlich nicht nur von Schiller. Das gilt auch von der Frau Müller aus Krähwinkel. Auch bei ihr wird man, wenn man nur zusehen will, Seelisch-Geistiges finden, das durchaus nicht in der gleichen Art bei ihren Eltern und Großeltern gefunden werden könnte, wie ihre Nase und ihre blauen Augen. Zwar hat Goethe gesagt, vom Vater habe er die Statur und des Lebens ernstes Führen, vom Mütterchen die Frohnatur und Lust zu fabulieren, und deshalb wäre an dem ganzen Wicht nichts original zu nennen. Nun, trotzdem wird aber niemand versuchen, Goethes Begabung in demselben Sinne von Vater und Mutter herzuleiten, und sich damit befriedigt erklären, wie man die Form und Lebensart des Löwen aus seinen Vorfahren herleitet. — Hier liegt die Richtung, welche die Seelenkunde nehmen muß, wenn sie dem naturwissenschaftlichen Satz: «alles Lebendige stammt aus Lebendigem» den entsprechenden an die Seite stellen will: «alles Seelische ist aus Seelischem zu erklären.» Wir werden weiterhin diese Richtung verfolgen und zeigen, wie die Gesetze von Reinkarnation und Karma von diesem Gesichtspunkte aus eine naturwissenschaftliche Notwendigkeit sind.