Neunundzwanzigster Vortrag
Ich glaube nicht, meine lieben Freunde, daß diese Stelle, wenn sie uns so vorgeführt wird, jemals ein anderes Gefühl hervorrufen könnte als dieses: sie ist unverständlich. Denn man hört eigentlich nur Worte, und diese Worte stimmen wiederum nicht überein mit alle dem, was im christlichen Sinn über die Beziehung des Christus zum Vater gesagt werden soll. Aber ich mache Sie auf folgendes aufmerksam, was das Übersetzen dieser Stelle wesentlich fördern kann, nämlich darauf, daß gerade im sakralen Sprachgebrauch in früheren Zeiten Worte nicht so gebraucht worden sind, wie sie heute gebraucht werden. Wenn wir heute Worte gebrauchen, so haben wir eigentlich immer die Voraussetzung, daß die Worte nebeneinanderstehen, und wir führen die Dinge eben auf die Worte zurück. Irgendein Wort bedeutet das oder jenes. So ist es namentlich im sakralen Sprachgebrauch nicht. Da führte man wie in lebendigem Fortgang ein Wort in das andere hinüber, so daß man sich nicht für befugt gehalten hätte, ohne das Bewußtsein des Zusammenhanges einfach das Wort «Kind» zu sagen, sondern man hätte in dem Wort «Kind» fühlen müssen, daß da der Wachstumsbegriff drinnen ist und daß man in diesem Wachstumsvorgang, der sich einem mit dem Wesen des Kindes verbindet, die Berechtigung hat, wenn man nun auf den ganzen Menschen hinzielt, einmal das Wort «Kind», einmal «Jüngling», einmal sogar «Greis» zu gebrauchen. Also es war eine gewisse Flüssigkeit im Wortgebrauch. Nun gab es eine Verwandtschaft dieses Sprachgebrauches in den Mysterien mit dem Sprachgebrauch in der Zeit, in welcher das Mysterium von Golgatha herannahte für die Menschheit; da gebrauchte man — so sonderbar Ihnen das heute vorkommen mag - alternierend, so wie wenn eines in das andere übergehen würde, das Wort «Vater» für den Weltengrund. Aber [man empfand bei] dem Begriff, daß dieser Weltengrund durch die Ereignisse, die ja im Alten Testament angedeutet sind — die dann auch bei Paulus wieder klar angedeutet werden in dem alten und neuen Adam, durch den Fall der Engel, mit denen eben auch die Menschen gefallen sind —, daß dieser väterliche Weltengrund allmählich zum Tode geführt hat. Es war so, daß in den Mysterien eine Zeitlang geradezu bei allen möglichen Gelegenheiten diejenigen, die in den Mysterien gesprochen haben, das Wort «Vater» und das Wort «Tod» alternierend gebraucht haben. Und wir müßten daher übersetzen: Liebtet ihr mich recht, so würdet ihr frohlocken darüber, daß ich gesagt habe, ich gehe in den Tod, denn der Tod war früher mächtiger als ich —, «magischer» müßte man eigentlich sagen. Das Wort «magisch» hat in älterer Mysteriensprache immer etwas zu tun mit «mächtig». So daß also hier hingedeutet ist auf das Besiegen des Todes. Es müssen sich also, besser gesagt, die Jünger freuen oder frohlocken, daß der Christus Jesus sich bereit erklärt, zum Vater, das heißt aber in diesem Zeitalter: zum Tode zu gehen.
Cite:
GA 343/1921-10-10_02/p016 · edition original