Erster Vortrag
Anthroposophie, meine lieben Freunde, muß ja durchaus ehrlich auf dem Boden stehenbleiben, von dem ich oftmals gesprochen habe, indem ich sagte: Anthroposophie als solche kann nicht religionsbildend auftreten; Anthroposophie als solche muß sich die begrenzte Aufgabe stellen, als Geisteswissenschaft die gegenwärtige Kultur und Zivilisation zu befruchten, und es kann nicht in ihren Absichten liegen, selber religionsbildend aufzutreten. Eigentlich liegt es ihr ganz fern, in irgendeiner Weise in den Entwickelungsprozeß des religiösen Lebens als solchen unmittelbar einzugreifen. Dennoch ist es, wie mir scheint, durchaus berechtigt gegenüber den Aufgaben, die Sie sich gerade gesetzt haben, daß wir für das religiöse Wirken dasjenige suchen, was aus Anthroposophie gewonnen werden kann. Denn daß mittelbar durch die Anthroposophie gerade für das religiöse Wirken nicht bloß viel gewonnen werden kann, sondern auch gewonnen werden muß, das muß gesagt werden; und Ihre Empfindung ist jedenfalls ganz richtig, daß das religiöse Leben als solches eine Vertiefung braucht, die nur aus den Quellen der anthroposophischen Wissenschaft kommen kann.
Cite:
GA 343/anthroposophy_and_religious_life/p005 · edition original