{"corpus":"steiner","locus":"GA 343/anthroposophy_and_religious_life/p006","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Ich nehme an, meine lieben Freunde, daß Sie sich wirkend in dieses religiöse Leben hineinstellen wollen, und daß Sie diesen anthroposophischen Kurs gesucht haben, weil Sie fühlen, daß man mit dem religiösen Wirken gewissermaßen immer mehr und mehr in eine Sackgasse hineinkommt, und daß in diesem religiösen Wirken heute — durch unsere Traditionen, durch die geschichtliche Entwickelung und durch manches andere, das wir ja noch besprechen werden — Elemente fehlen, die eben darin sein müßten. Wir sehen ja, wie gerade die heute vielleicht bedeutsamsten Persönlichkeiten, welche für das religiöse Wirken eine neue Grundlegung suchen, weil sie glauben, daß man einer solchen bedarf, in einer ganz bestimmten Richtung sich bewegen. Und ich möchte darauf hinweisen als erstes, wie gerade die gewissenhaftesten Persönlichkeiten sich fragen, wie man zu einer sicheren Fundierung des religiösen Bewußtseins kommt, und wie dann diese Persönlichkeiten eigentlich alle mehr oder weniger suchen nach einer Art - man kann es schon nicht anders nennen —, nach einer Art von Philosophie. Ich erinnere Sie nur daran, wie etwa Heim gerade eine Art philosophische Grundlegung für das religiöse Bewußtsein sucht. Gewiß, man muß das aus dem heutigen Zeitbewußtsein heraus durchaus als etwas absolut Notwendiges anerkennen, und man darf nicht übersehen, daß auf diesem Wege ja außerordentlich viel geleistet wird. Aber man kann sich dennoch nicht enthalten, bei unbefangenem Hinsehen auf dasjenige, was da angestrebt wird, zu der Ansicht zu kommen: Solch ein Bestreben führt ja eigentlich statt in das religiöse Leben hinein, aus diesem religiösen Leben heraus. — Denn das religiöse Leben, Sie werden es fühlen, es muß ein unmittelbares sein, es muß etwas sein, was elementar mit der ganzen Menschennatur zusammenhängt, was elementar aus den innersten Gründen dieser menschlichen Natur heraus lebt. Alles philosophische Nachdenken ist ja Reflexion und entfernt sich von diesem unmittelbaren elementaren Erleben. Und wenn ich eine persönliche Empfindung ausdrücken darf, so ist es diese: Wenn jemand über das religiöse Leben philosophiert und glaubt, eine philosophische Grundlegung nütze etwas für das religiöse Erleben, so kommt mir das eigentlich immer so vor, wie wenn man die Ernährungsphysiologie dazu verwenden möchte, um zur Ernährung selbst zu kommen. Nicht wahr, man kann noch so richtig die Grundsätze der Ernährungswissenschaft feststellen, das gibt ja für die Ernährung selbst nichts. Die Ernährungswissenschaft klärt auf über die Ernährung, aber die Ernährung muß doch in der Realität fundiert sein, sie muß in der Wirklichkeit wurzeln; erst dann kann man über die Ernährung philosophieren. So muß auch das religiöse Leben in der Wirklichkeit wurzeln. Es muß in der Realität bestehen, und erst wenn es da ist, kann man darüber philosophieren. Aber fundieren, begründen kann man das religiöse Leben ganz gewiß nicht mit irgendeiner philosophischen Erwägung.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Erster Vortrag","site_heading":null,"date":"1921-09-26","location":null,"word_count":440,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/343/anthroposophy_and_religious_life/p006","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/343/anthroposophy_and_religious_life/p006"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/343/anthroposophy_and_religious_life/p006","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}