Erster Vortrag

GA 343/anthroposophy_and_religious_life/p010 ·1921-09-26 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Ich habe vielleicht vor einigen von Ihnen schon hingewiesen auf einen in bezug auf das religiöse Leben ernst zu nehmenden Mann, auf Gideon Spicker, der lange Zeit an der Universität Münster Philosophie gelehrt hat, der ausgegangen ist von einem streng christlichen Erfassen der Welt, und der dann immer mehr und mehr hinüber sich entwickelt hat zur Philosophie, der aber niemals eigentlich die Philosophie als etwas anderes betrachtet hat, als ein Instrument zur Erfassung der religiösen Probleme. Aber es gab ihm das moderne Denken nicht die Möglichkeit, eine sichere Grundlage dafür zu finden. Und so finden wir in seinem Büchelchen, das den Titel trägt «Am Wendepunkt der christlichen Weltperiode», die Ratlosigkeit des modernen Menschen von ihm so charakterisiert, daß er sagt: Wir haben heute eine Metaphysik ohne transzendentale Überzeugung, wir haben eine Erkenntnistheorie ohne objektive Bedeutung, wir haben eine Psychologie ohne Seele, eine Logik ohne Inhalt, eine Ethik ohne Verbindlichkeit, und wir können deshalb im Grunde genommen nicht irgendeine Fundierung für das religiöse Bewußtsein finden. — Gideon Spicker stand da sehr, sehr nahe an der eigentlichen Crux, die doch allen religiösen Zwiespälten des modernen Menschen zugrundeliegt. Man kann da wie an einem Symptom zeigen, wo die eigentliche Crux, möchte ich sagen, liegt. Wenn der moderne Mensch erkennt, wenn er also versucht, sich durch Vorstellungen ein Bild von der Welt zu machen, so hat er zugleich das Gefühl, daß dieses Erkennen nicht in die Tiefen eindringt. Gideon Spicker drückt es so aus: «Wir haben eine Erkenntnistheorie ohne objektive Bedeutung», das heißt, wir haben unsere Erkenntnisse, ohne daß wir in der Lage sind, in uns die Kraft zu finden, dasjenige, was wir als Erkenntnisse bilden, auf ein wirklich Objektives zu beziehen. Und so krankt der erkennende Mensch in der modernen Zeit daran, daß er eben nicht die Möglichkeit findet, in seiner Erkenntnis eine Garantie für die Objektivität des Wesens der Welt, für das Dasein als solches zu haben. Er findet sich aus dem, was er subjektiv erlebt in der Erkenntnis, eigentlich nicht richtig heraus.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/343/anthroposophy_and_religious_life/p010.json
Cite: GA 343/anthroposophy_and_religious_life/p010 · edition original