Erster Vortrag
Das alles hat selbstverständlich, eben weil es Philosophie ist, mit dem religiösen Erleben nichts zu tun. Dennoch kann man sagen, daß das religiöse Erleben heute durchaus unter einem Einfluß steht, der nach einer ähnlichen Richtung geht. Denn eine Menschheit, welche nicht in der Lage ist, von der Erkenntnis zu sagen: in dieser Erkenntnis ergibt sich mir ein objektives Sein —, eine solche Menschheit fühlt dieselbe Haltlosigkeit dann an einem anderen Punkte auftauchen, und das ist das religiöse Leben. Da taucht dieselbe Haltlosigkeit da auf, wo der eigentliche Angelpunkt des religiösen Lebens heute liegt. Wir werden sehen, wie sich um diesen Angelpunkt die verschiedensten anderen Probleme herumgruppieren. Dieser Angelpunkt liegt in dem Gebet, in der Bedeutung des Gebetes. Der religiöse Mensch muß fühlen, daß das Gebet eine reale Bedeutung haben muß; man muß im Gebet mit irgendeiner Realität zusammenhängen. Aber in einem Zeitalter, in dem der erkennende Mensch aus seiner [subjektiven] Erkenntnis nicht herauskommt und in der Erkenntnis nicht eine Realität ergreifen kann, in demselben Zeitalter findet der religiöse Mensch nicht die Möglichkeit, wenn er betet, sich bewußt zu werden, daß das Gebet nicht bloß eine subjektive Tat ist, sondern daß in diesem Gebet ein objektives Erleben vorhanden ist. Und der Mensch, der sich nicht klar darüber werden kann, daß im Beten ein objektives Erleben vorhanden ist, für den ist es unmöglich, einen richtigen religiösen Halt zu finden. Im Gebete muß sich, gerade für den heutigen Menschen bei seiner Veranlagung, das religiöse Leben konzentrieren. Die verschiedenen anderen Gebiete müssen sich im Gebet konzentrieren. Aber ein Gebet, das nur subjektive Bedeutung hätte, das würde den Menschen religiös haltlos machen müssen.
Cite:
GA 343/anthroposophy_and_religious_life/p011 · edition original