Erster Vortrag

GA 343/anthroposophy_and_religious_life/p013 ·1921-09-26 · original (original)
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Sehen Sie, das Glaubensproblem und das Wissensproblem, alle Probleme, die von der theologischen Seite her den Menschen beschäftigen, sie hängen mit dem eben Charakterisierten zusammen. Und auch alles dasjenige, was den Menschen bedrückt von der Seite des unmittelbaren religiösen Erlebens her, das Sicherheit haben muß, Halt haben muß, das rührt auch aus dieser selben Quelle her. Und man kommt gegenüber dieser Frage wohl kaum zurecht, wenn man nicht sich ein wenig geschichtlich orientiert, wo es uns ganz deutlich vor Augen tritt, wie weit wir eigentlich mit der heutigen Wissenschaftlichkeit von dem entfernt sind, was wir die Christlichkeit nennen können, während auf der anderen Seite heute fortwährend das Bestreben vorhanden ist, die Christlichkeit mit der Wissenschaftlichkeit auszusöhnen. Nehmen Sie alles dasjenige, was Evangelium, was christliche Tradition ist. Sie können nicht anders, als sich sagen: darin ist eine andere Auffassung des Menschen als in der modernen Wissenschaftlichkeit. In der modernen Wissenschaftlichkeit wird der Mensch zurückgeführt auf irgendeinen primitiven Urmenschen - ich will gar nicht sagen, daß der sich nun vielleicht gar aus tierischen Vorfahren entwickelt haben soll -, wir werden zurückgeführt auf einen Urmenschen primitiver Art, der sich allmählich entwickelt hat, und in dessen Entwickelung eine Progression, ein Fortschritt liegt. Und die moderne Menschheit ist aus naturwissenschaftlichen Untergründen befriedigt im Hinblicken auf den primitiven Urmenschen, der durch eine gewisse in ihm liegende Kraft, wie man sagt, sich zu immer größerer und noch größerer Kulturvollkommenheit heraufgebildet hat, und dem ungeahnte Zukunften in bezug auf diese Vollendung vor Augen stehen können. Stellt man in diese Entwickelung den Christus hinein, das Mysterium von Golgatha, so kann man, wenn man in ehrlicher Weise an den Evangelien festhält, nicht anders als sagen: da hinein paßt er nicht, da hinein paßt eine Geschichtsauffassung, die gewissermaßen um das Mysterium von Golgatha herumgeht und es ausläßt, aber es paßt nicht eigentlich der Christus der Evangelien in diese Auffassung hinein. Der Christus der Evangelien ist nicht anders denkbar, als wenn man etwas voraussetzt, was noch im 18. Jahrhundert gerade bei den aufgeklärtesten, bei den geistigsten Menschen als eine Selbstverständlichkeit vorhanden war. Zum Beispiel bei Saint-Martin — ich will jetzt absehen von der religiösen Entwickelung und will nur hinweisen auf jemanden, der im eminentesten Sinne Wissenschaftler war für das 18. Jahrhundert, und das war Saint-Martin —, da ist durchaus ein deutliches Bewußtsein vorhanden davon, daß der Mensch im Beginne seiner Erdenentwickelung aus einer gewissen Höhe heruntergestürzt ist, daß er früher in einem anderen Weltmilieu war, in einer anderen Umgebung, und durch ein gewaltiges Ereignis, durch eine Krise heruntergeworfen worden ist in eine Sphäre, die unterhalb seines früheren Daseinsniveaus lag, so daß der Mensch in seiner gegenwärtigen Entwickelung gewissermaßen dasjenige nicht ist, was er einmal war.

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