Erster Vortrag
Wir werden ja sehen, in welcher Modifikation diese Vorstellung vor unsere Seele treten muß. Aber jedenfalls haben wir es da durchaus zu tun mit einer Inkommensurabilität zwischen unserer modernen Auffassung von der Entwickelung des Menschen und der Auffassung der Evangelien, und es ist immer eine Unehrlichkeit, wenn man hin und her laboriert und sich nicht gesteht, daß man eigentlich nicht zu gleicher Zeit ein Anhänger der modernen naturwissenschaftlichen Denkweise und ein Christ sein kann. Das müßte eigentlich für jeden ehrlichen, insbesondere für den religiös ehrlich empfindenden Menschen klar sein. Da gibt es etwas, was als erstes überbrückt werden muß, wenn das religiöse Leben wieder gesunden soll. Ohne diese Überbrückung gesundet das religiöse Leben nie und nimmermehr. Eigentlich erscheinen einem Leute wie David Friedrich Strauß, der die Frage «Sind wir noch Christen?» mit einem Nein beantwortet hat, doch ehrlicher als manche der neueren Theologen, die immer wieder und wiederum die eigentlich radikale Differenz zwischen dem, was der moderne Mensch als seine Wissenschaft ansieht und der Evangelien-Auffassung des Christus nicht überblicken. Und diesen Charakter trägt ja die moderne Theologie. Sie ist im Grunde genommen der ohnmächtige Versuch, die Christus-Auffassung der Evangelien in irgendeiner Weise so zu behandeln, daß man sich vor der modernen Wissenschaft rechtfertigen kann. Und da entsteht ja nichts, was sich irgendwie halten läßt.
Cite:
GA 343/anthroposophy_and_religious_life/p015 · edition original