Erster Vortrag
Immer mehr und mehr drangen in die Menschheitsentwickelung andere Dinge ein. Immer mehr entwickelte sich dasjenige, was dem Juden eigen war: das Persönlichkeitsbewußtsein, das nach der Ich-Entwickelung hindrängt. Beim Griechen entwickelte sich neben dem äußeren Naturanschauen eine mächtige innere Welt, aber sie war eine Welt, deren Gültigkeit man bezweifeln konnte, weil man sie bloß als eine Welt des Mythologischen anschaute. Fühlen Sie im Griechentum, im religiösen Element des Griechentums, dieses Aufleuchten, das durch die griechische Mythologie, durch die mythologisierende Phantasie lebt, die den Menschen zu finden sucht — den man nicht in der Natur finden kann — durch dasjenige, was im Menschen aufsteigt. Aber der Grieche erfaßt noch nicht den eigentlichen Schwerpunkt im menschlichen Inneren, daher die mythologisierende Phantasie, die dann der Römer überführt in das abstrakte Denken, das ja allerdings schon bei Aristoteles beginnt, aber in Rom besonders ausgebildet wird. Dieses abstrakte Denken, das dann mächtig genug ist, den Menschen auf den Punkt seines Ich zu stellen, den Menschen zum Selbstbewußtsein, zum Ichbewußtsein zu bringen, das tragen wir heute noch in uns, und wir tragen es schwer in uns in [der Form des] neuzeitlichen Agnostizismus.
Cite:
GA 343/anthroposophy_and_religious_life/p029 · edition original