Zehnter Vortrag
Versuchen wir jetzt einmal, etwas einzudringen in diese wunderbare Komposition. Gehen wir aus von den drei Gleichnissen, welche den Jüngern nur gesagt werden in der Heimlichkeit. Diese würde also nach dem ganzen Sinn des 13. Matthäus-Evangelium-Kapitels, aus dem Geiste des Matthäus-Evangeliums der Christus Jesus dem Volke nicht sagen. Bitte auch das zu hören, daß ich deutlich sage: aus dem Geiste des Matthäus-Evangeliums würde er sie dem Volke nicht sagen. Versuchen Sie aber, sich einmal zu erinnern, was gerade in diesen Gleichnissen gesagt wird, die nur den Jüngern gegeben werden. Im ersten, dem Gleichnis vom Schatz im Acker, entdeckt ein Mann den Schatz im Acker, er verkauft alles, um jenen Acker zu kaufen, in dem der Schatz ist, damit er ihn habe. Darauf kommt es im wesentlichen an, daß er alles verkauft, um diesen Schatz zu bekommen, daß er alles hingibt, um diesen Schatz zu haben. Das dürfte so, wie das Verhältnis des Jesus und das seiner Jünger zum Volke aufgefaßt wird, dem Volke nicht gesagt werden. Warum? Weil eine gewisse Gefahr vorliegt, die Gefahr des Egoistisch-Werdens, die Gefahr der Lohn-Ethik. Man darf nicht, ohne dadurch dem Volke zu schaden, ohne weiteres zum Egoismus sprechen. Man spricht aber zum Egoismus, wenn man denjenigen, den man anhalten will Gutes zu tun, auf den Lohn des Ewigen verweist. Lohn-Ethik, die im Grunde genommen doch in starkem Maße der Sinn des Alten Testamentes ist, Lohn-Ethik wird abgewiesen durch den Christus Jesus. Darum spricht er ein solches Gleichnis, das einem Unvorbereiteten einen Hinblick geben könnte auf die Belohnung, nur zu denjenigen, die schon so weit vorgeschritten sind, daß sie nicht mehr in die Gefahr kommen können, dieses Gleichnis im egoistischen Sinn auszudeuten. Die Jünger, die durch ihr Zusammenleben mit dem Christus Jesus über den Egoismus hinaus sind, ihnen erst darf man so etwas sagen, wie in diesem Gleichnis gesagt ist, ihnen erst darf man das Himmelreich mit einem Schatz vergleichen. In den Jüngern wird nicht der Drang nach dem Egoismus aufgeregt. Zum Volke dürfte man im Sinne des Matthäus-Evangeliums nicht in diesem Gleichnis sprechen, ebensowenig wie in dem folgenden, das ganz nach diesem Schema konstruiert ist, dem Gleichnis vom Kaufmann, der alles verkaufte, um das Himmelreich zu erringen. Und weil der Christus Jesus weiß, daß er so zu seinen Jüngern sprechen kann, darf er ihnen dann auch das letzte, das gefährlichste Gleichnis sagen. Es ist dasjenige Gleichnis, das auf den unvorbereiteten Menschen einfach furchtbar wirken muß, das Gleichnis, [in dem es heißt], daß alles dasjenige, was auf der Erde an Ärgernis, an Bosheit und an Sünde ist, zuletzt im Feuerofen verbrennt, und daß das Gute für den Himmel gesammelt wird. Das verträgt nur das Gemüt, das unegoistisch fühlen gelernt hat; sonst müßte das menschliche Gemüt ärgerlich werden über ein solches Gleichnis. Was ist es denn eigentlich, was vermieden werden soll durch eine solche Unterweisung, wie sie der Christus Jesus in einem solchen Gleichnisse gibt? Vermieden werden soll das Ärgerlichwerden, vermieden werden soll, daß der Mensch ärgerlich wird über den Gang der Welt und über das Menschensein. Das ganze 13. Kapitel des Matthäus-Evangeliums ist eine Anweisung dazu, den Menschen geduldig gegenüber dem Schicksal zu machen; darum kann erst zuallerletzt enthüllt werden, wie es am Ende der Welt zugeht. So sind diese letzten Gleichnisse diejenigen, die erst in der Heimlichkeit zu den Jüngern gesprochen werden können, bei denen gewiß ist, daß sie, was der Christus Jesus auch sagen wird, auch das Furchtbarste, in diesem Augenblick, in dieser unmittelbaren Gegenwart, drinnenstehen in der Selbstlosigkeit. Daher sagen sie: Ja, Amen.
Cite:
GA 343/composition_of_the_gospels/p020 · edition original