Zehnter Vortrag
Solch eine Wissenschaft, wie wir sie heute in der Anthroposophie ausbilden, hatte man natürlich in der Zeit des Mysteriums von Golgatha nicht. Daß wir heute auf die Wahrheiten der Sache kommen, das trägt wesentlich bei zur Bewunderung des Inhaltes der Evangelien. Man redete damals so, daß man heute nur mit aller Mühe des Geistesforschens daraufkommt, daß über das Sehen anders gesprochen werden muß als über das Hören. Beim Hören muß man sagen: Man kann eigentlich nur irrtümlich hören, denn es ist vollkommen ausgebildet als Einzelakt. Daher haben wir auch im Schlafe die Ohren offen, wir haben keinen willkürlichen Einfluß auf das Bilden der Gehörvorstellungen. Unser Ich fließt nicht so in sie hinein, daß es sie bildet, sondern nur so, daß es sie mit falschen Urteilen durchdringen kann. Unrichtig kann das Hören werden. Das Sehen hat ja gerade dasjenige, was im Hören funktioniert, halbverkümmert. Das Sehen hat ja nur das ausgebildet, was dem Sprechen entspricht. Dazu muß man wach sein, die Augen müssen aufgeweckt werden, geradeso wie der Mensch zum Sprechen erzogen werden muß.
Cite:
GA 343/composition_of_the_gospels/p033 · edition original