Vierzehnter Vortrag
Die Kreuzzugsstimmung steht mitten drinnen in dem Streben, sich zu verinnerlichen, aber man kam doch nicht bis zu derjenigen Stätte im Innern, wo im Moralischen das Göttliche ergriffen wird. Die Kreuzzugsstimmung lebte in zwei Gestalten, sie lebte vor allen Dingen mit moralischem Einschlag bei Gottfried von Bouillon und seinen Genossen. In ihnen entstand der Ruf gegen Rom: Jerusalem contra Rom! Nach Jerusalem! Wir wollen Jerusalem an die Stelle von Rom setzen, denn an Rom haben wir die Veräußerlichung kennengelernt, in Jerusalem werden wir vielleicht die Verinnerlichung finden, wenn wir an den heiligen Stätten das Mysterium von Golgatha in der Erinnerung wieder durchleben. - Und so entstand eben die Vorstellung in einem Gottfried von Bouillon, die wir uns so denken können, daß er den Feind im Innern fühlte, aber ihn doch im Äußeren suchte, in den Türken suchte. Das Streben, nach dem Innern kommen zu wollen, um den Herrscher der Welt zu finden, aber zu gleicher Zeit einen König von Jerusalem zu krönen, in alledem drückte sich die historische Stimmung des 10., 11., 12. Jahrhunderts aus. Das lebte in diesen Menschen. Versuchen Sie es nur einmal, sich sowohl in die weltlichen wie in die geistigen Gründe [der Kreuzzüge] hineinzuversetzen, Sie werden überall diese historische Stimmung finden.
Cite:
GA 343/gnostics_and_montanists/p023 · edition original