{"corpus":"steiner","locus":"GA 343/ordination_and_transubstantiation/p006","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Da müssen wir uns zunächst klar sein darüber, daß die Verbindung des Menschen mit dem Göttlichen im Sinne der Epoche, in die das Mysterium von Golgatha hineinfiel, eine solche war, die durchaus sich weit hinter das Bewußtsein der [heutigen] Menschen zurückgezogen hat. Wenn wir in der Kulturentwickelung der Menschen weit zurückgehen, so finden wir da eine andere [Art der] Auswahl zum Priesterstand als die spätere und als diejenige, von der wir hier eigentlich zu sprechen haben. Man muß sich darüber klar sein, daß Zeremonien, Rituale, Sakramente nur zu verstehen sind im ganzen Zusammenhang der Menschheitsentwickelung, weil ja die christlichen Sakramente doch eine Art Umwandlung älterer Sakramente sind. Nun, es stand also anders in älteren Zeiten in bezug auf das Priesterwerden. In älteren Zeiten wurde derjenige durch die Führer der Mysterien aufgenommen in die Mysterien, den man durch seine seelischen Eigenschaften, durch seine ganze menschliche Entwickelung für würdig hielt - wir würden heute sagen, wenn wir einen treffenden Ausdruck dafür gebrauchen: den man für auserwählt hielt. Das ist ein Begriff, der um so mehr Bedeutung hat, je weiter wir zurückblicken in der Menschheitsentwickelung. Die Anschauung, daß die Menschen gleich sind, ist eben durchaus eine Anschauung der neueren Zeit, sie ist eigentlich im wesentlichen etwas, was erst aus dem Bewußtsein der Epoche um das Mysterium von Golgatha herum hervorgegangen ist. Dagegen glaubte man ja tatsächlich in älteren Zeiten, daß der eine Mensch mehr als der andere auserwählt ist, daß also diejenigen, die würdig waren, in die Mysterien eingeweiht zu werden — oder initiiert zu werden, wie man mit einem anderen Ausdruck ziemlich deutlich die Vorstellung treffen kann -, herausgefunden werden müssen aus der Masse der Menschen. Und wenn man auf diese Weise den einen oder anderen herausgefunden hatte, den man für prädestiniert hielt für das priesterliche Amt, so mußte er die Einweihung eben durchmachen. Dieses Durchmachen der Einweihung bedeutet ja, daß der Mensch in die Lage gebracht wurde, tatsächlich einen anderen Bewußtseinszustand zu handhaben als bloß denjenigen, den man in der äußeren Welt hat. Ein anderer Bewußtseinszustand war wiederum etwas anderes für die älteren Zeiten, als es heute ist. Heute ist ja eigentlich das auch ein anderer Bewußtseinszustand, wenn man in der Lage ist, Imagination, Inspiration und Intuition zu handhaben. Wenn ich also, weil das vielleicht am meisten zum Verständnis führen kann, von dem heutigen zweiten Bewußtsein ausgehe, so ist das so, daß dabei vollständig bestehen bleiben muß das gewöhnliche Tagesbewußtsein. Der Mensch darf nicht einen Augenblick — ohne krank zu werden — irgendwie beeinträchtigt werden durch Übungen oder dergleichen, wie ich sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben habe; er darf nicht beeinträchtigt werden in der Handhabung seines Tagesbewußtseins, das muß also da sein. Und das andere Bewußtsein, dem ja die eigentliche Freiheit mangelt, das in der Handhabung von Imagination, Inspiration und Intuition besteht, das muß durchaus als etwas dastehen, das schnell wechseln kann, das im Augenblick wechseln kann mit dem gewöhnlichen Tagesbewußtsein, so wie der Schlafzustand mit dem Wachzustand wechseln kann, nur daß dieser Wechsel zwischen schauendem Bewußtsein und dem gewöhnlichen Tagesbewußtsein in die völlige menschliche Willkür gestellt werden muß. Das ist allerdings etwas, was erst nach Übung erlangt werden kann, und was durchschaut werden muß in seiner ganzen Wesenheit, um überhaupt über die Sache sprechen zu können.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Fünfzehnter Vortrag","site_heading":null,"date":"1921-10-03","location":null,"word_count":543,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/343/ordination_and_transubstantiation/p006","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/343/ordination_and_transubstantiation/p006"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/343/ordination_and_transubstantiation/p006","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}