Fünfzehnter Vortrag
Nun, wir verstehen diese Dinge nicht, meine lieben Freunde, wenn wir nicht wissen, daß die ganze Konstitution des Menschen in älteren Zeiten anders war als sie später geworden ist. Solch einen Vorgang, wie ich ihn geschildert habe, kann man heute beobachten beim Aufwachen oder beim Einschlafen. Bei dem Zustand, den die körperliche Entwickelung des Menschengeschlechtes heute erreicht hat, würde man diese Dinge nicht mehr vornehmen können. Der Einfluß auf den Menschen ist nicht mehr in dieser intensiven Weise möglich, der Mensch ist gewissermaßen mehr in sich verhärtet worden. Es geht heute nicht so, daß dem Menschen diese feinen geistigmateriellen Prozesse, die da stattfinden, ohne weiteres zum Wahrnehmen gebracht werden können. In dieser Beziehung ändert sich eben das Menschengeschlecht. Und dadurch kam es später dazu, daß dasjenige, was in älteren Zeiten im Innern geschehen ist, nun im Äußeren gesucht wurde. Es wurde gewissermaßen das dem [inneren] Vorgang Entgegengesetzte als Zeremonie vollzogen. Der alte Vorgang der Einweihung, der Vorgang, durch den der Mensch in sich den Geist rege machte, dieser Vorgang wird nun im Äußeren vollzogen. Die Priesterweihe war in den älteren Zeiten durchaus nicht der abgeschwächte Prozeß von heute, sondern ein Prozeß, der, trotzdem er mehr äußerlich vollzogen wurde, dennoch einen tiefen Eindruck auf den Menschen machte. In späteren Zeiten, noch zur Zeit des Mysteriums von Golgatha und darüber hinaus, wurde ja zum Beispiel der Akt der Taufe zumeist so vollzogen, daß er in der Tat noch eine Verrichtung am Menschen selber war. Die Täuflinge wurden [ins Wasser] untergetaucht und dadurch in dieselbe Lage gebracht wie ein Ertrinkender, dem in einer rückwärtslaufenden Perspektive seine Lebensvorgänge am geistigen Blick vorüberziehen. Das gehörte in früheren Zeiten zu der Taufe, daß dem Menschen das vergangene Leben vor die Seele gebracht wurde, daß er also in einer gewissen Weise geistig sehen lernte. Später ist dann das Sakrament der Taufe [zeitlich] zurückverlegt worden, da konnte es natürlich nicht in dieser Weise vollzogen werden, da wurde es nur noch als Zeichen gemacht. Und so ist es auch mit der Priesterweihe. Die Priesterweihe selber wurde also gewissermaßen der äußere Vorgang für dasjenige, was früher im Innern des Menschen hervorgerufen wurde durch die Einweihung, durch die Inversion der äußeren Vorgänge; sie ist dasjenige, was den Menschen in der Tat auch in eine andere Welt hineinstellt. Denn man wird aufmerksam gemacht —ich werde Ihnen das noch genauer zu schildern haben — auf gewisse Zusammenhänge im Weltenall, welche man an der Außenwelt nicht studieren kann, man wird aufmerksam darauf, daß in den materiellen Prozessen sich etwas abspielt, was sich nicht deckt mit den gewöhnlichen äußeren sinnlich wahrnehmbaren Prozessen, man wird aufmerksam auf das eigentliche Sakramentale. Man lernt erkennen, indem man zum Beispiel Salz in Wasser auflöst, daß da etwas vorgeht, was sich nicht erschöpft in dem physikalisch-chemischen Auflösungsvorgang, sondern daß, wenn sich Salz im Wasser auflöst, da tatsächlich innerlich etwas, ich möchte sagen, durchleuchtet. Man lernt erkennen, wie da Prozesse stattfinden, die nur mit dem Geiste des Menschen erfaßt werden können. Und dieses Eingeführtwerden in die Welt solcher Anschauungen, welche nicht mit den äußeren Sinnen und mit dem gewöhnlichen Verstande erfaßt werden können, das gehört im wesentlichen zur Priesterweihe. Man muß also durch die Priesterweihe geradeso in der äußeren Welt das Durchdrungensein dieser Welt mit dem Göttlichen erkennen, wie der Mensch in der älteren Zeit eingeweiht worden ist dadurch, daß er sich gewissermaßen nicht bloß von dem Materiellen des Lichtes durchdrungen fühlte, sondern auch von dem Geistig-Seelischen des Lichtes.
Cite:
GA 343/ordination_and_transubstantiation/p012 · edition original