Fünfzehnter Vortrag
Die Formen [der Priesterweihe] wollen wir bei den Formen des Kultus im besonderen entwickeln. Ich möchte heute noch auf das hinweisen, was Ihnen von der Priesterweihe eventuell noch hat unverständlich bleiben können. Aber nun, indem ich Ihnen so etwas sage, werden Sie begreifen, auch im Zusammenhang mit den regulär fortgehenden Vorträgen bis zum heutigen Vormittag, daß in der Tat ein völliger Bruch eintreten mußte in bezug auf die Auffassung solcher Dinge, als das geänderte Bewußtsein seit der Mitte des 15. Jahrhunderts heraufkam. Indem ich diese Dinge ausspreche, rede ich ja in Worten, die eigentlich für das allgemeine Bewußtsein nur völlig hätten verstanden werden können vor der Mitte des 15. Jahrhunderts. Dann hört man ja auf, mit diesen Worten überhaupt einen Sinn verbinden zu können. Und es ist im Grunde genommen nur [durch] das Vertrauen, das Sie mir haben entgegenbringen können, daß Sie hier etwas hören können über die Art und Weise, wie man in früheren Zeiten in einer ganz anderen Seelenverfassung die Dinge erlebt hat. Es kam dann eben die Zeit herauf, wo man auf den konkreten Zusammenhang weniger Wert legte, wo die Menschen selten wurden, die auf diesen konkreten Zusammenhang noch Wert zu legen wußten, und wo man den hauptsächlichen Wert legte auf den Verstandesinhalt der Evangelien, auf den Verstandesinhalt der Religion überhaupt. Und so wurde es allmählich von ganz besonderer Bedeutung, über den Inhalt der Evangelien zu diskutieren, über den Inhalt der Sakramente zu diskutieren, gewissermaßen besonders hinzuschauen auf das Lehrgut, auf den Lehrinhalt. Der Lehrinhalt wurde nach und nach das Wichtige. Nicht eigentlich das Konkrete, sondern das Abstrakte wurde nach und nach das Wichtige, das Wesentliche. Während also für das katholische Bewußtsein — ich meine jetzt nicht bloß das römisch-katholische, sondern das katholischchristliche Bewußtsein — in der Priesterweihe dasjenige lag, was die Betreffenden hineinstellt in die geistige Ahnenreihe bis zu Christus hinauf, hat eigentlich der moderne Mensch in alle dem, was er vollbringt, etwas, was sich definieren läßt, was sich erklären läßt, was nicht ein Hineinstellen in eine Wirklichkeit ist, und das ist schon ganz begreiflich für den modernen Menschen. Aber wir müssen uns auch klar sein, daß wir heute wiederum in der Zeit leben, wo wir eine Vertiefung nach der Richtung hin brauchen.
Cite:
GA 343/ordination_and_transubstantiation/p022 · edition original