Siebenter Vortrag

GA 343/speech_formation/p005 ·1921-09-29 · original (original)
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Sehen Sie, wenn wir im Deutschen sagen «Kopf», dann haben wir ja heute im Bewußtsein kaum etwas anderes, als daß wir die Gesamtperzeption, die wir durch das Ohr bekommen, nun eben auf den menschlichen Kopf beziehen. Wenn wir sagen «Fuß», haben wir kaum etwas anderes, als daß wir den Toninhalt, den Lautinhalt empfinden und beziehen auf irgendeinen Fuß. Nun brauchen wir ja nur, sagen wir, zu den romanischen Sprachen zu gehen, Kopf ist testa, tete, Fuß ist pedum, pied, da haben wir sogleich das Gefühl, daß da die Bezeichnung von etwas ganz anderem her genommen ist. Wenn wir das deutsche Wort «Kopf» aussprechen, so ist diese Bezeichnung von der Form her genommen, vom Anschauen der Form. Wir sind uns dessen heute nicht mehr bewußt, aber es ist doch so. Wenn wir sagen «Fuß», so ist das hergenommen vom Gehen, wo Furchen gezogen sind im Boden. Es ist also aus einem ganz gewissen Seeleninhalt heraus immer dasjenige zustandegekommen, was im Wort geprägt ist. Wenn wir eine Wortbildung wie, sagen wir, «Testament» nehmen und alle anderen Wortbildungen, die mit der romanischen Bezeichnung für Kopf, testa, zusammenhängen, so werden wir fühlen, daß die Bezeichnung «Kopf» im Romanischen hervorgeht aus dem Bekräftigen, also nicht aus der Bezeichnung der Form, sondern aus dem durch die menschliche Seele mit Hilfe des Kopfes, und zwar speziell der Mundwerkzeuge Bewirkten. «Pied» ist nicht vom Gehen, vom Furchenziehen, hergenommen, sondern es ist hergenommen vom Stehen, vom Aufdrücken im Stehen. Wir beurteilen heute gar nicht mehr die Motive, welche aus dem Seelischen heraus zur Sprachbildung führen. Wir können nur dann zu dem kommen, was man im echten Sinne ein Sprachgefühl nennen kann, wenn wir Wege einschlagen, die die Sprache viel gegenständlicher machen, als sie heute in ihrem abstrakten Zustande zumeist ist. Wenn heute jemand in der Terminologie lateinische Ausdrücke gebraucht, so sind bei manchem allerdings die lateinischen Ausdrücke noch gegenständlicher, bei manchem aber bezeichnen sie noch mehr. Zum Beispiel wird heute kaum klar empfunden der Zusammenhang zwischen «Substanz» und «subsistieren», weil der Begriff «subsistieren» im Grunde genommen ganz verlorengegangen ist. Von dem Vater-Gotte würde derjenige, der das ursprüngliche Gefühl der Substanz und des Subsistierens noch hatte, nicht gesagt haben: der Vater-Gott «existiert», sondern er «subsistiert».

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