Achtzehnter Vortrag
Rudolf Steiner: Das ist eine Frage, die nicht so leicht in die Seelsorge hineinzutragen ist, weil sie im Grunde eine tiefe Weltanschauungsfrage ist. Es bedeutete Prädestination in alten Zeiten die Namen derjenigen, die in dem Buch der Schöpfung eingetragen sind. Nun müssen Sie sich aber klar sein darüber, daß eigentlich noch bis zum 5., 6. Jahrhundert, also jedenfalls bis in die Zeit des Augustinus hinein, das gesamte Denken, das auf die geistige Welt selber sich bezog, gedacht ist von der geistigen Welt nach der physischen Welt gerichtet und nicht umgekehrt. Erst seit wenigen Jahrhunderten wird von unten nach oben gedacht und nicht mehr von oben nach unten. Wenn Sie also die Art des Denkens nehmen, wie sie bei Augustinus selbstverständlich war, von dem Moment an, da er überhaupt philosophisch hat denken können, da bedeutete Prädestination die Namen derer, die von Gott auserwählt waren, in das Buch des Lebens eingeschrieben zu werden, sie bedeuteten eine Konfiguration der Welt, wo die Namen da waren. Also Sie würden das Schema bekommen: Das Himmlische; nun kommt der erste Name: diejenigen, die da Almosen gegeben haben, also wir haben die Almosengeber. Als ein zweites diejenigen, die Kranke gepflegt haben; und als einen dritten Namen: diejenigen, die gelehrt haben. Und nun haben Sie bei dem, was von oben herunter gedacht ist, ja die Menschen noch gar nicht drin; die müssen sich selber erst den Anspruch auf diese Namen erwerben, müssen sich erst eingliedern. Bei all diesen Bezeichnungen haben Sie es mit Typenbezeichnungen zu tun, die sich von oben herunter senken, so daß die Menschen erst den Anspruch auf diese Typenbezeichnungen sich erwerben müssen. Es sind nicht die Menschen Krankenpfleger, es sind nicht die Menschen Almosengeber, Seelenhirten und so weiter; das sind die Namen - das sind aber nicht Namen, die der Einzelne trägt -, die muß man sich erst erwerben.
Cite:
GA 344/1922-09-21/p059 · edition original