Siebzehnter Vortrag

GA 344/1922-09-21_02/p034 ·1922-09-21 · original (original)
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Aber diese Sternenweisheit war nicht mehr sehr lebendig in der Zeit, als die Evangelien in der Form niedergeschrieben wurden, in der sie jetzt vorhanden sind, und daher können Sie sehr leicht finden, daß der eine die Sache so sah, der andere so. Was dagegen die Übereinstimmungen anbetrifft, so beziehen sie sich zumeist auf den Lehrgehalt. Da ist die Sache so, daß in dieser Zeit, als dieser Lehrgehalt von Persönlichkeit zu Persönlichkeit überliefert wurde, die Menschen ein ganz anderes Gedächtnis hatten als heute, und dasjenige, was sie immer wieder gesagt bekommen haben und wieder weiter sagten, das setzte sich ja natürlich in zukünftige Zeiten fort. Man muß das erklären, weil man sonst in die alten Zeiten zurückfällt, was nicht sein darf. Man muß das, was in alten Zeiten üblich war, auf einer höheren Stufe zu überwinden suchen. In der heutigen Zeit ist es nötig, alles dasjenige aufzuschreiben, was gesagt wird; selbst die Zuhörer hier sitzen da und schreiben, horribile dictu. Man darf sich nicht denken, daß etwa die Aussprüche, die in den Evangelien mitgeteilt werden, von einem Stolze-Schrey-Stenographen aufgezeichnet worden wären. Das war auch damals nicht nötig, die Gedächtnisentwikkelung war eine ganz andere, und der Mensch merkte sich alles viel treuer, als er es heute kann. Das Gehirn des Menschen, das physische Gehirn, ist heute viel brüchiger, als es in jenen Zeiten war. Es lebten in jenen Zeiten die Gehirnzellen in gewissen Stunden des Tages fast bis zu einem wirklichen Leben, bis zu dem Leben, das eben nur noch das Bewußtsein trübte — diejenigen Zellen, die das Bewußtsein trüben, die dem Wollen zugrundeliegen, das sind die weißen Blutkörperchen -, nicht nur in der Nacht, sondern auch bei Tage, in der Nacht sogar schwächer. Die Gehirnzellen bekamen nicht ein so intensives Leben wie die weißen Blutkörperchen, aber ein gewisses Leben hatten sie schon, und das bewirkte, daß ein ganz anderes Gedächtnis vorhanden war als heute, so daß es das Gelernte und das, was gelernt werden sollte, sich treu bewahrte. Wer diese Tatsache weiß, der weiß auch, daß durch das getreue Gedächtnis alter Zeiten die synoptische Frage der Evangelien sich beantwortet.

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Cite: GA 344/1922-09-21_02/p034 · edition original