Siebzehnter Vortrag
Rudolf Steiner: Was waren die Schwierigkeiten? Objektive Schwierigkeiten? Die waren nicht da. Es ist gerade in katholischen Städten — beide Städte, München und Köln, sind katholische Städte, obwohl sich der Katholizismus in beiden Städten ganz verschieden auslebt -, es ist gerade in solchen katholischen Städten das Eigentümliche, daß man dort auf Menschen trifft, die zuerst wirklich von einem hohen Grad von neutralem Empfinden ausgehen. Es ist ihnen zuerst alles mehr oder weniger gleich, weil sie abgestumpft sind; dann allmählich werden sie erfaßt. Man kann da sehr viel erreichen. Darauf rechne ich gerade in München und Köln sehr viel, daß die Leute allmählich erfaßt werden. Es könnte zum Beispiel auch in Wien passieren, daß eine größere Anzahl von Leuten einfach aus Neugierde zunächst dahin gehen, was nicht das Schlimmste sein sollte, sondern das Beste. So könnte es auch in Köln sein. Der Katholizismus schafft den Boden, daß die Leute zunächst abgestumpft werden aus Gewohnheit gegenüber der Kirche, aber doch eigentlich den tiefen Drang haben, etwas Wahres zu erleben. Unter der alten katholischen Bevölkerung sind viele, die zu einer religiösen Erneuerung hinstreben. Die Frage ist nur die: Haben wir die benötigten Persönlichkeiten, und wenn nicht, wie verschaffen wir sie uns?
Cite:
GA 344/1922-09-21_02/p067 · edition original