Dreizehnter Vortrag
Nun muß man aber sich klar darüber sein, daß überall in alten Schriften ein Unterschied gemacht wird zwischen Rassenentwikkelung und individueller Entwickelung der Menschen. Man muß sich durchaus darüber klar sein, daß kein einzelnes Individuum sich irgendwie bedrückt fühlte in früheren Zeiten, wenn man davon sprach, von einer Rasse würden einmal soundsoviele gerettet, die anderen würden untergegangen sein. Denn keiner rechnete sich dazu, weil man real dachte, ganz genau in derselben Weise, wie heute, wenn ein Mensch sich dazu drängt, daß ihm sein Leben versichert wird. Dabei wird ja ausgerechnet, wie lange man wahrscheinlicherweise noch leben wird. Die Versicherungsanstalten, nicht wahr, nehmen Leute nicht an, die wahrscheinlich bald sterben; denn würden sie lauter Leute assekurieren, die bald sterben, so würden sie bald ihre Kassen leer haben. Sie wollen Leute haben, die lange leben und lange einzahlen; daher müssen sie mit einer Wahrscheinlichkeitsrechnung, die ja eine ganz interessante Rechnungsmethode ist, bei dem, der zu versichern ist, aus den verschiedensten Antezedenzien heraus seine wahrscheinliche Lebensdauer berechnen. Ich habe noch nie gefunden, daß jemand sich deshalb verpflichtet fühlte, in dem Moment zu sterben, den die Assekuranzgesellschaft als seinen wahrscheinlichen Tod nach ihrer gewiß richtigen Methode berechnet hat. Das gibt es nicht; man fühlt sich nicht verpflichtet, gerade dann zu sterben. Und da liegt auch eine Realität zugrunde. Sobald man in die Zahl hineinkommt, erfaßt man nicht diejenige Stufe der Geistigkeit, auf der die menschliche Individualität steht.
Cite:
GA 346/1924-09-17/p029 · edition original