Siebzehnter Vortrag
Meine lieben Freunde! Außer dem, was wir als Inhaltliches der Apokalypse besprochen haben, ist ja die Apokalypse, so wie sie vor uns steht, auch ein Einweihungsbuch, und zwar durch die Art und Weise, wie sie die Evolution in der Zeit schildert, die aufeinanderfolgenden Stadien, die eben erlebbar sein werden für diejenigen, die Ohren haben zu hören und Augen haben zu sehen, während sie natürlich vorübergehen werden an den ohren- und augenlosen Menschen. Diese verschiedenen Stadien werden uns durch das innere Wesen der Sache so vorgeführt, daß wir die Apokalypse durchaus als Einweihungsbuch ansehen können. Wir müssen uns ja klar sein darüber, daß beim erkennenden Hineingehen in die Welt — das immer mehr ein Anschauen werden wird — dasjenige verschwindet, was wir zunächst als den Inhalt des Seelenlebens haben und was im wesentlichen eine Art Spiegelbild der äußeren Natur ist. Also die physisch-sinnliche Welt verschwindet beim erkennenden Voranschreiten und allmählich tritt wie aus dem Hintergrund von der anderen Seite her die geistige Welt hervor. Von dieser Art, sich zur geistigen Welt in ein Verhältnis zu setzen, hat nun der Apokalyptiker, wie er deutlich zeigt, eine ganz intensive, richtige Vorstellung, und das hat es ihm möglich gemacht, so sachgemäß die Dinge zu finden in seinen imaginativen Visionen, wie er sie gefunden hat. Denn, meine lieben Freunde, es ist einfach richtig, daß man auf zwei Wegen zur Anschauung der Welt kommen kann. Der eine Weg ist derjenige, wenn man sich einfach im Sinnlich-Physischen ergeht, es nach allen Seiten kennenlernt mit gewisser liebevoller Hingabe an das Sinnlich-Physische. Dann lernt man es immer mehr als das Werk der Götter kennen. Man hat dasjenige vor sich, was man im weitesten Umfange die Natur nennt, wenn man die Natur nicht bloß äußerlich-mechanisch, sondern auch innerlich-geistig betrachtet. Aber man könnte sich vorstellen — und es ist durchaus eine richtige Vorstellung -, daß man denselben Weltinhalt auch auf eine rein geistige Weise, von innen heraus durch die eigene Seele erhält. So daß man durchaus soweit gehen kann, davon zu sprechen, daß derjenige, der genügend innere Kraft hat, sehen kann — auch wenn er gar nichts von historischen Nachrichten hat —, daß an einer bestimmten Stelle des Weltgeschehens irgend etwas geschehen ist, das selbst in einer Naturerscheinung besteht. Man kann durchaus davon sprechen, daß man von innen heraus zu dieser Erkenntnis kommen kann: In irgendeinem Jahre, wo sich für die Menschheit etwas abgespielt hat, haben Erdbeben und so weiter stattgefunden. Diese Empfindung - die ja viele Menschen leise oder laut haben -, daß der Mensch von innen heraus die Welt wirklich in ihren konkreten Einzelheiten kennenlernen kann, ist eine durchaus richtige Empfindung. Nun handelt es sich darum, was eigentlich vorliegt, wenn der Mensch auf diesem Wege der Imagination in die geistige Welt hineinkommt.
Cite:
GA 346/1924-09-21/p003 · edition original