Siebzehnter Vortrag
Es ist, ich möchte sagen, eine unglaublich interessante Erscheinung, das im einzelnen zu beobachten. Wenn man zum Beispiel den geistigen Blick hinwendet auf eine solche Erscheinung wie diese, so kann man sehen, wie da in einem elenden Dorfe heruntersteigt die Fichtesche Individualität in den irdischen Leib, wie sie sich hineinverkörpert in den physischen Leib, man sieht da, wie der Knabe heranwächst, man sieht, wie sich Stück für Stück in sein Wachstum hineinmischen Hemmungen des Wachstums, etwas zu stark gegenüber dem Normalen; es ist nicht viel, es ist außerordentlich wenig, aber es ist so. Da wächst dieser Knabe Fichte heran, wird immer größer und größer, aber er könnte schneller wachsen, wenn nicht fortwährend etwas ganz Winziges dieses Wachstum zurückhielte. In diesem Zurückhalten des Wachstums Fichtes — bei ihm war es so, daß er auf Lebenszeit klein blieb -—, da entwickelte sich eben diese besondere Art seiner philosophischen Anlage. Da tritt das Geistige in Wirksamkeit innerhalb des Physischen. So daß man in dem Abbau etwas sehen muß, was einen nicht nur antipathisch berührt, sondern etwas, was einen sympathisch berührt, worüber man sich tröstet, etwas, was durchaus mit Liebe betrachtet werden kann, weil außer dem wachsenden, sprossenden Leben auch das da sein muß, was Hemmungen darstellt.
Cite:
GA 346/1924-09-21/p014 · edition original