Achtzehnter Vortrag
Sehen Sie, es wird heute auf dem Gebiete der Naturwissenschaften überall außerordentlich die statistische Methode gerühmt. Wer den Gang der heutigen Naturwissenschaft verfolgt, findet überall eine ungeheure Lobrede auf die statistische Methode gesungen. Die Menschen können gar nicht mehr an das Innere heran und suchen überall, aus den Statistiken Gesetze zu gewinnen. Am schwersten ist das zu bekämpfen auf medizinischem Gebiet, wo es in der furchtbarsten Weise eingerissen ist, wo alle klinischen Methoden darauf ausgehen, bei Heilmitteln einfach in Statistiken zu registrieren, ob sie positiv oder negativ gewirkt haben und so weiter. Da nistet sich dieses statistische Element ein, und gerade da ist es ganz wertlos, denn es besagt im Grunde genommen gar nichts, ob man weiß, wieviele Fälle so ausgehen und wieviele Fälle so ausgehen. Sondern es muß sich immer darum handeln, den einzelnen Fall durch und durch zu verstehen, gleichviel wie er ausgeht. Erst dann, wenn die ganzen Erkenntnismethoden wieder dahin gelangt sind, den einzelnen Fall in seiner individuellen Gestaltung zu studieren, kann man die ganze Statistik — die ja, wie Sie wissen, gerade in sozialen Betrachtungen in der Sozialdemokratie eine riesige Rolle gespielt hat — nur insoweit gelten lassen, als sie, ich möchte sagen, zuletzt eingeführt werden kann, wenn man alles übrige individuell betrachtet hat; dann kann man sagen, in soundsoviel Fällen ist die Sache günstig oder sie ist ungünstig verlaufen.
Cite:
GA 346/1924-09-22/p011 · edition original