Siebenter Vortrag
Ja, meine Herren, bei uns mehr alten Kerlen, bei denen ist das so, daß man eigentlich die ganze Geschichte nicht mehr richtig verfolgen kann, nur beim Schlaf; aber beim Kind ist das noch sehr viel mehr der Fall. Da ist es so, daß tatsächlich das Kind, solange sein Verstand nicht aufgeweckt ist, also im ganzen ersten Jahre, eine sehr lebhafte Zwiebeltätigkeit in sich, in den Nerven hat. Und geradeso wie die Sonne hinscheint über die Blüten bei den Zwiebeln, so scheint beim Kind, das noch nicht das Außenlicht, das es aufnimmt, in den Verstand umsetzt, das Licht hinein, und das ist allerdings so, wie wenn die Sonne im Kopfe sich verbreiten würde und alle diese Zwiebelblüten entfalten würde. Es wächst in der Tat in den Nerven ein ganzes Pflanzenleben in uns. Wir tragen da tatsächlich in den Hautnerven ein ganzes Pflanzenreich in uns. Nur hört später, wenn wir in die Volksschule kommen, eigentlich dieses lebhafte Wachsen auf. Da verwenden wir die Kräfte, die vorher aus den Nerven geworden sind, zum Denken - die ziehen wir heraus, verwenden sie zum Denken. Das ist sehr interessant. Denn man glaubt gewöhnlich, die Nerven denken. Die Nerven denken nicht. Die Nerven kann man nur so zum Denken verwenden, daß man ihnen gewissermaßen ihr Licht abstiehlt. Die menschliche Seele stiehlt den Nerven das Licht ab, und was sie abstiehlt, das verwendet sie zum Denken. Es ist schon so. Derjenige, der wirklich über diese Sache nachdenkt, der kommt in jedem Punkt dazu, einfach die selbständig wirkende Seele anzuerkennen.
Cite:
GA 348/1922-12-20/p014 · edition original