Siebenter Vortrag
Wir Menschen haben nur diese Schulterblätter, die noch dazu höchst ungeschickt, ganz festgefügt sind, an unserem Rücken. Mit denen möchten wir zwar fortwährend fliegen, aber wir können nicht, und so schieben wir das ganze Rückenmark ins Gehirn hinein und fangen an zu denken. Die Vögel denken eben nicht. Man braucht nur richtig die Vögel zu betrachten, so wird man sehen, daß alles bei ihnen in den Flug hineingeht. Es schaut sehr gescheit aus; aber das macht es eigentlich, was in der Luft ist. Die Vögel denken nicht. Wir denken, weil wir nicht fliegen können. Unsere Gedanken sind eigentlich die umgewandelten Flugkräfte. Das ist das Interessante am Menschen, daß sein Geschmack sich in die Gefühlskräfte verwandelt. Wenn ich sage: Ich fühle mich wohl -, so möchte ich eigentlich schwimmen. Aber ich kann nicht schwimmen, und da verwandelt sich das in das innere Wohlgefühl. Wenn ich sage: Mich ekelt -, so möchte ich eigentlich fliegen. Ich kann aber nicht fliegen; so verwandelt sich das in den Gedanken: Mich ekelt, der Mistgeruch ist ekelhaft. - Und so sind alle unsere Gedanken eigentlich im Grunde genommen umgewandelte Gerüche. Und der Mensch ist deshalb ein so vollkommener Denker, weil er all das, was der Hund in der Nase erlebt, im Gehirn erlebt mit dem, was ich da vorstelle. Wir verdanken als Menschen eigentlich unserer Nase außerordentlich viel. Sehen Sie, wenn Menschen keinen Geruch haben, wenn ihre Nasenschleimhaut also verkümmert ist — es gibt solche Menschen, die keinen Geruch haben -, fehlt ihnen eigentlich auch ein gewisses Erfindungsvermögen. Die können nur durch dasjenige denken, was sie vererbt haben von ihren Eltern. Es ist ja immer gut, daß wir auch etwas ererben, sonst könnten wir überhaupt nicht leben, wenn wir nicht alle Sinne ausgebildet hätten. Der Blindgeborene hat auch das Innere, was das Auge hat, ererbt, und hat es überhaupt dadurch, daß er nicht bloß ein fester Mensch ist, sondern auch ein flüssiger und ein luftförmiger Mensch ist.
Cite:
GA 348/1922-12-20/p035 · edition original