Zehnter Vortrag
Ja, sehen Sie, es ist merkwürdig, daß gerade in der Geisteswissenschaft auf solches hingewiesen werden muß, was die Leute sehr häufig materialistisch nennen. Aber das rührt ja davon her, daß eben gerade, wenn man den Menschen nun betrachtet, sich da, wo die anderen nur Materie sehen, eben der Geist enthüllt. In der Anthroposophie steht man eben gar nicht auf dem Boden, daß im Unterleib nur eine chemische Fabrik ist, sondern ich habe Ihnen einmal gesagt, daß die Leber ein wunderbares Organ ist, die Niere und so weiter ebenfalls ein wunderbares Organ ist. Nur dadurch begreift man die Organe, daß man überall den Geist findet. Hört man einmal auf, irgendwo den Geist zu finden, ist einem einmal die Verdauung zu materialistisch, um sie recht zu studieren auf geistige Art, so wird man gerade dadurch Materialist. Der Materialismus ist nämlich nur durch einen geistigen Hochmut gekommen. Es ist merkwürdig, sehen Sie, ich habe Ihnen das schon einmal gesagt: Wenn die alten Juden im Alten Testament in der Nacht schlechte Gedanken gehabt haben, so haben sie diese schlechten Gedanken, ungesunden Gedanken nicht auf den Kopf geschoben, sondern auf die Nieren: Gott hat in dieser Nacht meine Nieren geplagt, haben sie gesagt, und sie haben mehr recht gehabt als die heutige Medikasterei. Und die alten Juden haben auch gesagt: Gott gibt sich dem Menschen nicht durch seinen Kopf kund, sondern Gott gibt sich dem Menschen gerade durch seine Nierentätigkeit kund, überhaupt durch seine Unterleibstätigkeit kund.
Cite:
GA 348/1922-12-30/p032 · edition original