Zehnter Vortrag
Natürlich, wenn die schwangere Frau, sagen wir, in den ersten Monaten der Schwangerschaft in den Wald geht und ihr das Unglück passiert, daß sie just in dieser Zeit einen Erhängten, einen, der an einem Baume sich erhängt hat und schon tot ist, findet - wenn er noch zappelt, ist es noch schlimmer -, wenn sie den dort trifft, so schrickt sie furchtbar zusammen. Das wird in ihr ein Bild, und wahrscheinlich, wenn nicht andere Maßregeln ergriffen werden können, die meistens durch das Leben, gar nicht einmal durch die Kunst ergriffen werden können, wird sie ein Kind gebären, das bleich ist, das ein spitziges Kinn hat, das seine Glieder dünn hat und sich nicht recht bewegen kann. Bei einer schwangeren Frau genügt ein einziger solcher Anblick. Im späteren Leben, wenn man schon achtzehn, neunzehn, zwanzig Jahre alt ist, da genügt natürlich nicht, daß man einmal ein Bosnickel ist, sondern da muß man es schon gewohnheitsmäßig sein, und dann muß es längere Zeit dauern. Aber bei der schwangeren Frau genügt eben der einzige Anblick.
Cite:
GA 348/1922-12-30/p038 · edition original