Zehnter Vortrag

GA 348/1922-12-30/p049 ·1922-12-30 · original (original)
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Man kann nicht einfach sagen: Die Abweichungen von der normalen Menschengestalt kommen nicht vom Körperlichen, sondern von geistigen Erlebnissen; der ganze Mensch aber kommt bloß aus dem Bauch der Mutter, von dem, was da drinnen materiell ist. Wenn man schon die Abweichungen geistig erklären muß, so muß man doch den ganzen Menschen erst recht geistig erklären! Aber die Mutter kann natürlich ebensowenig wie der Vater den Menschen geistig hervorbringen. Da müßte ja die ganze Menschenkunst da sein, und die gibt es überhaupt nicht, weil sie unendlich ist. Also führt uns das dazu, daß der Mensch vor seiner Geburt als geistiges Wesen schon da ist, und sich mit demjenigen, was ihm körperlich gegeben wird, als Seele vereint. Und bloß noch für die abnormen Merkmale bleibt übrig, daß der Embryo geistig beeinflußt werden kann. Aber seine normalen Merkmale: daß ich überhaupt die Nase mitten im Gesicht habe, daß ich zwei Augen habe — das ist ja alles viel mehr! Wenn ich bloß mit einer schiefen Nase geboren werde, so ist das ein abnormes Merkmal. Aber denken Sie, die Nase ist mitten im Gesicht, hat die wunderbare normale Gestalt, die ich Ihnen neulich aufgezeichnet habe, das Auge ist eine wunderbare Sache — das wächst nicht aus dem Mutterleibe heraus; das ist etwas, was überhaupt schon da ist im Seelischen, bevor der Mensch im Mutterleibe entsteht.

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Cite: GA 348/1922-12-30/p049 · edition original