Fünfzehnter Vortrag
Daß heute die Diphtherie häufiger ist, als sie früher war, das kann man schon sagen. Man muß natürlich nicht auf Jahrzehnte sehen, sondern auf Jahrhunderte. Aber nach allem, was man wissen kann von früheren Zeiten — es hat ja natürlich viel schlimmere Krankheiten gegeben, die Menschen sind von der Pest und Cholera heimgesucht worden -, war die Diphtherie seltener. Das hängt damit zusammen, daß überhaupt die europäische Lebensweise nach und nach darauf hingeht, die Hauttätigkeit gar nicht mehr zu unterstützen. Gewiß, die Leute, die das Geld dazu haben, die baden viel und so weiter, aber es kommt darauf an, in was man badet. Und daß die Zivilisation nach dieser Richtung nicht gut wirkt, das können Sie daraus sehen, daß heute wirklich viel mehr Glatzköpfe herumgehen als früher. Der Haarwuchs ist auch eine Tätigkeit von außen. So wie Pflanzen auf dem Boden wachsen, so ist der Haarwuchs von außen. Und es ist schon so, daß heute auf die Hauttätigkeit viel zu wenig geachtet wird. Glauben Sie nicht, daß das Kaltbaden, das die Engländer heute üben, gar zu gut wirkt. Es kommt darauf an, in was man badet. Und wenn der Mensch gar zu sehr eine starke Hauttätigkeit herbeiführt durch überflüssiges Baden, so ist das auch nicht richtig. Also man muß vor allen Dingen bei der Diphtherie danach trachten, eine richtige Hauttätigkeit hervorzurufen.
Cite:
GA 348/1923-01-20/p028 · edition original