Das menschliche Leben in Schlaf und Tod

GA 349/1923-03-21/p003 ·1923-03-21 · original (original)
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Guten Morgen, meine Herren! Nun wollen wir einmal versuchen, wenigstens vorläufig das zu Ende zu führen, was wir angefangen haben zu betrachten. Sehen Sie, das Verstehen des Lebens kommt nur dadurch zustande, daß man, was ich Ihnen ja schon öfter erwähnt habe, anfängt, den Schlaf des Menschen zu betrachten. Wenn man nämlich so drinnensteht im Leben vom Morgen bis zum Abend, dann hat man ja gewöhnlich die Meinung, der Schlaf, der gibt einem wiederum Kraft, der bringt die Ermüdung fort und so weiter. Aber der Schlaf tut nämlich viel mehr. Sie brauchen sich das nur einmal zu überlegen. Denken Sie einmal daran, wenn Sie sich an Ihr Leben erinnern, die Träume, die Sie im Schlaf gehabt haben, die fallen Ihnen ja nicht immer ein. Träume sind etwas, was man bald vergißt, wie Sie alle wissen. Nur höchstens, daß man da oder dort einmal einen Traum gehabt hat, den man oft erzählt hat. Dann merkt man ihn sich durch das Erzählen. Aber die Träume, die man nicht erzählt, die schwinden sehr schnell dahin. Wenn Sie sich zurückerinnern an Ihr Leben bis in die Bubenzeit, so werden Ihnen aus der Bubenzeit manche Erinnerungen einfallen bis zum späteren Leben. Aber diese Erinnerung, die hat ja immer eine Unterbrechnung. Wenn Sie heute zurückdenken, so ist da die Zeit, während der Sie geschlafen haben. Das ist eine Pause, an die Sie sich nicht zurückerinnern. Die Erinnerung fängt erst gestern abend wiederum an und geht bis gestern früh. Dann ist wiederum eine Pause. So daß man eigentlich, wenn man sich zurückerinnert, nicht sein ganzes Leben hat, sondern bei diesem Zurückerinnern fällt ja eigentlich immer dasjenige, was in der Nacht ist, aus. Wenn man eine Linie der Rückerinnerung zieht, so verfließt eine Zeit vom Abend bis zum Morgen ohne Rückerinnerung, dann wiederum Erinnerung vom Morgen bis zum Abend, wiederum Pause vom Abend bis zum Morgen und so fort. An unser Leben erinnern wir uns eigentlich nur so, daß wir einen ganzen Teil unseres Lebens gar nicht zurückerinnern. Das ist ganz klar. Das ist diejenige Zeit, die wir verschlafen haben.

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