Über Christi Tod, Auferstehung und Himmelfahr
Nun sehen Sie, diese Erzählung, die Sie ja alle aus der Bibel kennen, wie der zwölfjährige Jesus im Tempel die Schriftgelehrten unterrichtet, die ist etwas, was durchaus auf einer Wahrheit beruht. Nur müssen Sie natürlich sich jetzt nicht sagen: Wenn ein zwölfjähriger Bube heute an die Universität kommt, so würde das Professorenkollegium keinen großen Respekt vor ihm haben. Die heutigen Unterweisungen kann man eben mit den damaligen gar nicht vergleichen. Sie müssen wirklich nicht glauben, daß ich etwa konservative Gesinnung vertrete oder gar reaktionäre, aber ich muß Ihnen die Tatsachen erzählen, so wie sie sind. Nicht wahr, wir müssen ja heute ganz selbstverständlich unsere Kinder in die Schule schicken. Da lernen gerade die begabten Kinder außerordentlich viel von dem, was ihnen noch gar nicht liegt. Man muß ja, wie wir es in der Waldorfschule machen, die Sachen so herrichten, daß sie den Kindern liegen. Aber im allgemeinen lernen die Kinder außerordentlich viel, was ihnen gar nicht liegt. Das, was ihnen gar nicht liegt, das können natürlich die Erwachsenen besser als die Kinder. Aber was den Kindern ausgetrieben wird dadurch, daß die Kinder unser heutiges Lesen und Schreiben lernen, ja, meine Herren, darauf geben die Menschen heute gar nicht acht. Kinder sagen einem, wenn man sie richtig anzuhören versteht, außerordentlich gescheite Sachen. Das haben sie sich mitgebracht aus dem geistigen Leben, bevor sie auf die Erde heruntergestiegen sind. Und dieser eine Jesusknabe, der hat eben außerordentlich viel mitgebracht. Und dadurch, daß die beiden Jesusknaben Spielkameraden waren, wußten sie eigentlich im Grunde immer dasselbe. Nun ist der eine gestorben. Und so erzählen jetzt die Evangelien, weil das den Leuten besser gefallen hat, eben nur von einem Jesusknaben. Aber dadurch versteht man die Evangelien nicht. Lesen Sie heute das Matthäus- und das Lukas-Evangelium, so widersprechen die einander. Die ganze Abstammung des Jesus im Matthäus-Evangelium wird anders geschildert als im Lukas-Evangelium. Warum? Ja, weil sich die Dinge wirklich auf zwei Jesusknaben beziehen.
Cite:
GA 349/1923-05-09/p020 · edition original